Ergebenst, euer Schurik

Monatstipp Dezember 2005

Ljudmila Ulitzkaja: Ergebenst, euer Schurik

Verlag: Hanser Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Die Ulitzkaja (geb. 1943) hat ihr Meisterstück geschrieben. Einen Roman, bei dem mir Augen und Herz übergehen; sogar südlichere Körperregionen kommen zu ihrem Recht – dezent freilich, so dezent, dass Sie sich nicht scheuen müssen, den „Schurik“ unter der Weihnachtsfichte zu platzieren. Und, wie heute allmählich üblich, haben Sie die Qual der Wahl, ob Sie sich fürs „Lese“-Buch oder fürs „Hör“-Buch (großartig gelesen von Andrea Sawatzki) entscheiden sollen.

„Ergebenst, euer Schurik“ ist ein oft komischer, stets rasanter Entwicklungsroman, der die ganze Sowjetgeschichte abdeckt, von der Oktoberrevolution bis Glasnost, auch wenn Alexander „Schurik“ Korn erst 1954 geboren wird. Der Roman erzählt von den ersten dreißig Jahren eines wahrlich nicht heldenhaften (Frauen)helden, und gerade, weil er kein Held ist, muss man ihn lieben. Ein Muttersöhnchen, Omasöhnchen ist er. Ja, die Oma! Sie versteht es, Glanz ins Leben der Korns zu bringen.

Ulitzkaja legt ihr gleich zu Beginn den Satz "Und ist das Fräulein noch so fein, will es doch gevögelt sein" in den Mund und dreht damit das Klischee vom ewig jagenden Mann ins Lebenspraktische. Das hat der arme Schurik auszubaden. Stets verfolgt vom schlechten Gewissen, den Wünschen der Frauen nicht zu genügen, wird er zum russischern Don Juan wider Willen. Köstlich, ich verspreche es Ihnen.

Jeder Frau, die ihm Avancen macht (es sind viele, sehr viele, und es spielt keine Rolle, welcher Nationalität sie sind und welchen Alters), leistet er seine (Liebes)dienste. Er sieht es als mitmenschliche Pflicht an, unglückliche Frauen glücklich zu machen. Die wahre Liebe begegnet ihm indes nicht. Oder doch: Seine Mutter und seine Oma liebt er – sie sind seine eigentlichen Lebensmenschen. Aber die Oma stirbt irgendwann naturgemäß, und auch seine Mutter, die einst ihre Theaterkarriere für den Sohn opferte, erkrankt schwer, gerät in Lebensgefahr. Und ausgerechnet in diesem Moment ist Alexander nicht zur Stelle – warum, braucht nicht erwähnt zu werden.

Die Geschichte der Korns ist meisterlich erzählt. Ulitzkajas Stil hat viel vom britischen understatement. Stets wird nur angedeutet, wo ein voyeuristischer Leser gern mehr bekommen würde; dafür erzählt die wunderbare Schriftstellerin an anderen Stellen mit solcher Lust und Breite und vor allem spannend, dass wir an Turgenjew und Flaubert erinnert werden. Jeder auftretenden Person haucht die Ulitzkaja so viel Leben ein, dass wir uns mühelos unseren eigenen Film über Schurik und seine Welt drehen können – im Kopf.

Machen Sie sich die Freude! Und danach ihren Freunden! Lesen Sie und lassen Sie die Freunde hören – oder umgekehrt.

Frohe Weihnachten!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann