Warum du mich verlassen hast

Monatstipp Mai 2006

Paul Ingendaay: Warum du mich verlassen hast

Verlag: Schirmer Graf Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Paul Ingendaay? Ist das nicht der Kulturkorrespondent der FAZ in Madrid?
Ganz genau, Paul Ingendaay, Mitherausgeber der bei Diogenes erscheinenden Patricia Highsmith-Werkausgabe. Jetzt hat er selbst einen Roman vorgelegt, und das war höchste Zeit, denn was für ein Riesentalent da bislang im Verborgenen schlummerte, zeigt sich nun mit Macht.
„Warum du mich verlassen hast“ ist ein Meisterwerk, das den Vergleich mit Musils „Törleß“ nicht zu scheuen braucht.

Wir reisen mit Ingendaay in die Sechziger Jahre zurück, Schauplatz ist der Niederrhein.
Seit fünf Jahren schon wohnt der 15-jährige Marko im Collegium Aureum, einem katholischen Jungeninternat. Vor allem Schwester Gemeinnutz hat ihn mit ihrer Maxime Gemeinnutz geht vor Eigennutz traumatisiert. Sie duldet keine Nietenhosen in ihren Unterrichtsstunden und setzt ihre Schutzbefohlenen mit psychischer Grausamkeit in der Stunde der Wahrheitserforschung dem Spott der Klassenkameraden aus. Markos Eltern sehen jedoch keine andere Möglichkeit, ihre Eheprobleme vor ihrem Sohn zu verbergen.
Aber schließlich kommen sie nicht mehr umhin, ihrem Sohn zu erklären, dass sie sich scheiden lassen. Für Marko bricht eine Welt zusammen, hat Schwester Gemeinnutz ihren Schützlingen doch jahrelang eingetrichtert, dass die Kinder geschiedener Eltern zu bemitleiden und besonders in die Gebete einzuschließen seien. Der strenge Internatsalltag, die Abwesenheit von Mädchen und die unausweichliche Konfrontation mit Gott stürzen den Jugendlichen tief in seine Pubertätskrise. Markos Rettungsanker ist der Nihilismus, den er zu seiner Weltanschauung erhebt. Romanen wie „Robinson Crusoe“ oder „Der große Gatsby“ verdankt er zumindest ansatzweise Erfüllung, über die er mit Bruder Gregor, dem einzig menschlichen und einfühlsamen Lehrer im Internat, diskutiert.

Ingendaay beherrscht die Sprache der damals Jugendlichen virtuos, er setzt sie jedoch niemals anbiedernd ein, sondern gibt genau und ehrlich die Stimmungen und Gefühle seines Protagonisten wieder. Wunderbar gelingt es ihm ,die Waage zwischen pubertären Sexphantasien, heimlichen Zigaretten und philosophischen Betrachtungen zu halten – übrigens mit einer kräftigen Prise Humor.
„Warum du mich verlassen hast“ ist aber nicht nur ein Entwicklungsroman, sondern auch ein Buch über andere Bücher, darüber, wie sie den Alltag verschönern, wie sie dem Einzelnen helfen oder ihn verletzen und sogar töten können. Wenn Marko seine Freunde Montag, Dienstag und Mittwoch nennt, ist Robinson Crusoe lebendiger denn je, und Marko selbst wird zum gestrandeten Inselbewohner, der seine Umgebung kritisch beobachtet, seine Überlebensmöglichkeiten und -motivationen gründlich abwägt und sich mit der Lebenslüge der Erwachsenen nicht abfindet.

Großartig! Lassen Sie sich „Warum du mich verlassen hast“ ans Herz legen. Wirklich ein Kleinod in der Fülle der Publikationen. Ganz wunderbar!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann