Herr Jensen steigt aus

Monatstipp Juli 2006

Jakob Hein: Herr Jensen steigt aus

Verlag: Piper
rezensiert von Christian Oelemann

Unerhört! Ein Skandal! Wie gut, dass man Literatur und Wirklichkeit auseinander halten kann, denn sonst.... , also wenn das Denken dieses Herrn
Jensen Schule machen sollte, na dann prost!

Ein 130 Seiten schmales Bändchen möchte ich Ihnen ans Herz legen, das es in sich hat. "Herr Jensen steigt aus" heißt es - geschrieben vom Leipziger
Arzt Jakob Hein. Hochintelligentes Lesevergnügen sei Ihnen versichert! Spätestens, wenn sie das Buch gelesen haben, werden Sie feststellen, dass
es so schmal doch nicht ist, denn man möchte, ja muss es einfach gleich wieder lesen. Das geht doch nicht, dass ein erwachsener Mann die Fragen, die unserer Gesellschaft auf den Nägeln brennt und von der Politik nicht einmal ansatzweise in den Griff bekommen werden, mit der messerscharfen Logik und Unbestechlichkeit eines Kindes behandelt! Wo kommen wir denn dann hin?
Ein Buch über die Solidargemeinschaft, die längst keine mehr ist - und dabei liest sich "Herr Jensen steigt aus" leicht und durchaus komisch. Aber lachen Sie nicht zu früh!

Herr Jensen jobbt, nachdem er sein Studium abgebrochen hat bei der Post. Seit zehn Jahren schon. Gewissenhaft schiebt er Briefe und Zeitungen in
Briefkastenschlitze. In seiner Freizeit denkt Herr Jensen, ja er philosophiert geradezu. Kein Thema, das ihn nicht interessiert. Eines Tages allerdings wird Herr Jensen "freigestellt", um "Freistellungen" vermeiden zu können, wie man ihm erklärt. Immerhin ist er ja nur
Aushilfskraft.
Herr Jensen stellt fest, dass man einen Wecker, der nicht mehr wecken muss, eigentlich Uhr nennen sollte. Immer seltener verlässt er seine Wohnung, studiert dafür gewissenhaft das Fernsehprogramm.

Nach monatelangen Analysen kommt Herr Jensen zu der Überzeugung, dass es den größeren Zusammenhang, in dem er die Sendungen vermutete, nicht gibt: weder Informationen noch Ratschläge bietet das Fernsehen, dafür jedoch werden unfähige Personen präsentiert, die heute für dies, morgen für das stehen. Herrn Jensen wird deutlich, dass er sich angesichts der Werte, die ihm das Medium vermittelt, außerhalb der gesellschaftlichen Norm bewegt.
Er hat kein Geld, keine Freunde, ist nicht schön, kennt nicht die aktuelle Musik, auch nicht die modischen Trends und hat vor allem keine Arbeit.

Herr Jensen wirft seinen Fernseher aus dem Fenster. Und dann arbeitet er
an seinem Lebensplan .

Viel Freude!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann