Eros

Monatstipp September 2006

Helmut Krausser: Eros

Verlag: DuMont-Buchverlag
rezensiert von Christian Oelemann

"Ich bin ja größenwahnsinnig! Absolut. Anders entsteht keine große Kunst: Erst kommt der Größenwahn - dann die Größe. Alles sonst ist Kleinmut."

Das sagt Helmut Krausser über sich und sein Werk. Nicht gerade bescheiden, doch ist etwas daran.
Seine Romane „Melodien“, „Thanatos“ und „UC“ gehören zu den feinsinnigsten sowie virtuosesten Werken der neueren Literatur, gar keine Frage. Man kann sie wieder und wieder lesen und entdeckt stets, dass unter der letzten Haut noch mehr steckte. Dass sie nie auf Bestsellerlisten landeten, liegt an Kraussers überdurchschnittlicher Intelligenz, der ein breites Lesepublikum nicht gewachsen ist und sein kann.

Jetzt legt Helmut Krausser, der erst Anfang 40 ist, seinen letzten Roman vor. Danach will er aufhören, weil eine Steigerung nicht mehr möglich sei. „Eros“ heißt das wunderbare Buch, und anders als seine Vorgänger könnte dieser Roman tatsächlich sogar ein kommerzieller Erfolg werden, denn trotz seiner anspruchsvollen Sprache, trotz seiner teuflisch genialen Erzählperspektive ist er über weite Strecken leicht zu lesen.

„Eros“ ist die Geschichte des Industriellen Alexander von Brücken, eines der reichsten Männer des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Leidenschaft galt jedoch nie seinem Besitz sondern einer Frau, die er kaum kannte: Sofie, die Tochter eines Arbeiters und einer Arbeiterin, die früher bei seinem nationalsozialistisch gesinnten Vater beschäftigt waren. Von Sofie bekam Alexander als Heranwachsender seinen ersten Kuss, für 50 Reichsmark. Mit dem Kuss wollte Sofie ihre armen Eltern unterstützen. Für von Brücken ist er der Beginn einer lebenslangen Obsession.
Am Ende seines Lebens beauftragt der sterbenskranke von Brücken einen Autor (Helmut Krausser?), sein Leben in ein Buch zu fassen, und dieses Buch handelt ausschließlich von der nie erwiderten Liebe zu Sofie. Wir erfahren durch die Gespräche zwischen von Brücken und dem Autor von einer schier unglaublichen und daher um so interessanteren Jagd eines Mannes auf eine Frau: durch die Nachkriegszeit und Studentenrevolution, durch den Deutschen Herbst und die Kohl-Ära.

Helmut Krausser bearbeitet das klassische Eros-Motiv der unerfüllten Liebe so spannend, so spielerisch, dass mir nichts bleibt, als meinen Hut zu ziehen. Besser kann man nicht schreiben, da hat er recht. Und zum Abschluss noch einmal ein Krausser-Zitat über sich selbst:

götter sind stumme voyeure weit oben,
die selten wen tadeln, geschweige denn loben.

verelendet interessieren sie sich
für beinahe niemanden - außer für mich.

es zieht sie zu mir voll begeisterung hin-
ist lästig zuweilen, doch nachzuvollziehn.

ich habe den göttern viel gutes getan.
sie sehen mir zu, sie beten mich an,

ich nicke und bete ein wenig zurück.
da freuen die sich. Und weinen vor glück

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann