Schnee

Monatstipp Dezember 2006

Orhan Pamuk: Schnee

Verlag: Hanser Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Ein Roman über das Glück, das nicht eintrifft vor lauter Angst, man könne es wieder verlieren. Ein politischer Roman, ein Liebesroman. Ein Roman über religiösen Fundamentalismus. Ein Kriminalroman. Ich könnte lange fortfahren, „Schnee“ von Orhan Pamuk in Schubladen zu fassen. Schubladen jedoch werden diesem Meisterwerk nicht gerecht. Man muss dieses Buch unbedingt lesen!

Im Mittelpunkt des Buchs steht der berühmte Lyriker Ka, der nach 12 Jahren im Frankfurter Exil seine Heimat besucht. Ihn treibt vor allem seine alte Liebe: Ipek, die Frau, die er immer begehrt hat, ist kürzlich geschieden worden.

In dieser verarmten Gegend kommt es zu mehreren Selbstmorden: Junge Fundamentalistinnen bringen sich aus Protest gegen das Kopftuchverbot an der Hochschule um, und verstoßen mit diesem Bekenntnis zum Islam zugleich gegen ihre Religion. Ka, reichlich naiv, will über diese Vorfälle schreiben - und das verwickelt ihn sofort in die fatale Lokalpolitik. Er gerät zwischen alle Fronten, da er nicht im Entferntesten durchblickt, wie die politische Situation in Ostanatolien aussieht. Ka, der Dichter, nimmt in seiner Sehnsucht nach Glücklichsein, nach Verlieben, nach Lieben alles nur wie durch einen Filter wahr: ein Attentat genauso wie eine provokante Theateraufführung, die mit dem Einsatz von Militär und vielen Toten endet. Er wartet auf Ipek und spaziert zwischen den verfallenden Gebäuden aus der Zarenzeit.

Ka trifft Intriganten und wird gnadenlos ausgenutzt. Aber das ist ihm, dem mittlerweile Fremden, egal. Er will Gedichte schreiben. Ihn inspiriert der Schnee - und er will nur Eines: Glücklich sein.

Erzählt wird die Geschichte von einem zunächst neutralen Beobachter, der sich bekennt, ein Freund Kas gewesen zu sein. Am Ende gibt er – vermutlich der Autor selbst – seine Neutralität auf, denn Ipek raubt auch ihm die Sinne.

Pamuk porträtiert seine Heimat mit schonungsloser Offenheit. "Schnee" ist eine wunderbare Darstellung der Verhärtungen und der Kompromisslosigkeit von religiösen (politischen?) Gesinnungen, nicht nur in der Türkei.

Orhan Pamuk: "Unglücklichsein ist meiner Meinung nach ein hinreichender Grund dafür, politisch aktiv zu werden. Politik, wenn sie im Zorn betrieben wird, ist oft - nicht immer - eine Sache der Unglücklichen. Das Unglück gibt ihnen einen Kick - so habe ich das in der Türkei jedenfalls immer gesehen."

„Schnee“ ist ein Meisterwerk. Danken wir dem Hanser Verlag!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann