Reality-Show

Monatstipp April 2007

Amélie Nothomb: Reality-Show

Verlag: Diogenes
rezensiert von Christian Oelemann

von

Christian
Oelemann



gebundenes Buch







Amélie Nothomb ist eine unglaubliche Schriftstellerin! 1967 als Tochter des belgischen Diplomaten in Japan geboren, verbrachte sie die ersten siebzehn Lebensjahre in Asien und Amerika. 1984 kam die studierte Philologin erstmalig nach Europa, seit 1992 lebt sie, mittlerweile hauptberuflich Schriftstellerin, in Belgien. Bereits ihr erster Roman, „Die Reinheit des Mörders“, erschienen wie ihre späteren Werke im Diogenes-Verlag, begeisterte mich kolossal. Jetzt aber hat die Nothomb alles auf die Spitze getrieben.

Ihr neuer Roman mit dem Titel „Reality-Show“ ist nicht umfangreich, aber wer ihn gelesen hat, wird ihn nicht so schnell vergessen. Und seinen Umgang mit den so genannten kommerziellen Sendern wird er oder sie – da bin ich sicher – überdenken, denn auch wenn es sich bei dem in Rede stehenden Buch um eine Satire handelt, ist die Nähe zur Wirklichkeit mehr als evident.

Worum es geht, ist rasch erzählt: Holocaust als Fernseh-Spektakel!

Zum "Mitspielen" in einem wirklichkeitsgetreu nachgebauten TV-Konzentrationslager sind keine anderen Bedingungen zu erfüllen, als Mensch zu sein. Die Schergen der Organisatoren wählen auf der Straße ihre Akteure aus, was im Klartext heißt: Sie fangen sie ein.

Im Lager bekommt jeder Häftling einen Anstaltspyjama und eine Nummer in den Arm tätowiert. Fortan muss er seinen Eigennamen verheimlichen. Damit sind die Personen ihrer Individualität beraubt und bestens geeignet für willkürliche Schikanen und ihre Hinrichtung nach Zufallsprinzip. Das ganze sinnfreie Leiden, die Todesangst und der Schmerz werden von TV-Kameras aufgezeichnet. Widerstand ist nicht nur zwecklos, sondern besonders telegen.

Um auch den dumpfen KZ-Wärtern und Quälern die eigene Entscheidungsillusion zu nehmen, darf das Fernsehpublikum demokratisch wie beim Big-Brother-Container über die Aussortierung unwerten Unterhaltungsmaterials abstimmen.

Um die Dualität der ringenden Kräfte zu verdeutlichen, stellt Nothomb zwei konkurrierende Frauen ins Zentrum der Handlung: die zum Opfer degradierte Pannonica und die grausame Freiwillige Zdena, die sich als Wärterin verpflichtet hat. Pannonica setzt sich für ihre Mitgefangenen ein, versucht unter ihnen eine Ahnung von Normalität zu erzeugen, die dem Regime der Wärter und Zuschauer entgegengesetzt werden kann. Zdena interessiert sich zusehends für die unnahbare Schöne – ein Interesse, das sich schließlich zu besessenem Begehren steigert und das mörderische Spektakel zum Kippen bringt.

Amélie Nothomb beherrscht sogar derlei Geschmacklosigkeiten mit einer solchen Bravur, dass ich laut Beifall klatsche, und ich müsste mich sehr wundern, wenn es Ihnen nicht ähnlich erginge.

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann