Schattauers Tochter

Monatstipp Juni 2007

Arno Orzessek: Schattauers Tochter

Verlag: Steidl Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Eine Familiensaga, aber auch ein Bildungsroman. Eine zum Teil sehr erotische Liebesgeschichte, dann wieder ein Heimatroman. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Verluste: der Heimat, der Unschuld und des Glaubens. Sie führen zu Identitätsverlust und letztendlich sogar zum Verlust des Lebens.

Marie Schattauer entstammt einer Pietistenfamilie irgendwo in einem kleinen masurischen Dorf. Ihr Leben besteht aus Beten und Arbeiten, bis sie zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges dem betrunkenen Händler Balduin Eckstein begegnet, der versucht, sie zu vergewaltigen. Sein Neffe Hermann, Offizier in der Wehrmacht, verteidigt die Unschuld der jungen Masurin. Eine Begegnung mit Folgen: Marie verlässt ihre fromme Familie und folgt Hermann in die großbürgerliche Welt der Architektenfamilie Eckstein nach Osnabrück. Dort entdeckt sie ihre Sexualität, lernt die Liebe und den Luxus kennen und wird im November 1938 Zeugin der Progromnacht. Während der Kriegsjahre schlägt sich Marie mit fanatischen Nazis herum und verbringt viele Nächte im familieneigenen Bunker, der "innere Immigration" genannt wird, während Hermann an der Ostfront zu den Sowjets überläuft. In der größten Not besinnt sich die Pietistentochter auf ihren Gottesglauben, der aber niemals wirklich existiert hat.

Im zweiten Erzählstrang des Romans erscheint Marie als alte, blinde Frau, die - ganz in Schwarz - im Dachzimmer des Ecksteinschen Hauses auf den Tod wartet. Ihr unehelicher Sohn Gustav Eckstein ist ein genialischer Rhetoriklehrer am Karlsgymnasium und hat sich eine Lebensphilosophie aus Rationalität und Hedonismus zusammengebastelt, die ihn vor dem religiösen Virus seiner Herkunft schützt und zudem bei seinen Schülern - insbesondere bei seinen Schülerinnen - sehr gut ankommt. Es sind die achtziger Jahre, Helmut Kohl ist gerade Kanzler geworden, als Eckstein die von allen begehrte Daniela May verführt. Sein jugendlicher Epigone Gustav Manthey fühlt sich gedemütigt und plant einen Anschlag auf das ungleiche Liebespaar.

Orzessek zieht alle Register seines sprachlichen Könnens. Bei aller Fülle der Details wird die Handlung durch eine klare Konstruktion und eine ungemein geschickte Dramaturgie zusammen gehalten.

"Schattauers Tochter" ist ein von der ersten bis zur letzten Seite brillanter Roman über die Folgen des dritten Reiches, die noch nach drei Generationen wirklich sind, also wirken. Selten las ich ein so gutes Buch!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann