Eine Frage der Zeit

Monatstipp September 2007

Alex Capus: Eine Frage der Zeit

Verlag: Knaus
rezensiert von Christian Oelemann

Was für ein Wahnsinn! Da bestellt das Reichskolonialamt bei einer niedersächsischen Werft ein Kriegsschiff, das auf dem Tanganikasee in Deutsch-Ostafrika zum Einsatz kommen soll.

Wir schreiben das Jahr 1913, und dieses Schiff, die „Götzen“, wird in Einzelteile zerlegt und über Hamburg nach Daressalam spediert, von dort aus mit der Eisenbahn nach Kigoma verfrachtet, wo es unter der Leitung des Schiffbauers Anton Rüter zusammengebaut wird. Das Deutsche Reich will Belgiens Expansionspläne in Ostafrika durchkreuzen.

Es ist eine Frage der Zeit, wann die „Götzen“ zu Wasser gelassen werden kann. Man ahnt, das der Krieg in Europa bald ausbrechen wird, der befehlshabende Leutnant Zimmer hofft, sich in Afrika für Kaiser und Vaterland verdient zu machen.

Die Werftarbeiter erleben ein Ostafrika, das mit Exotik nicht das Geringste zu tun hat. Die Kolonialherren residieren in prachtvollen Villen, die einheimischen Schwarzen fristen ein grausames Sklavendasein. Der Gouverneur, der sich selbst als Humanist bezeichnet, bringt es auf den Punkt: „Das Einzige, was ich den Schwarzen wirklich übel nehme: Dass sie einen zwingen, Dinge zu tun, die ich selbst für böse halte.“

Das britische Königreich unterhält nicht weniger wahnsinnige Kriegspläne. Zwei kriegstaugliche Schiffe werden zuerst mit dem Zug quer durch Afrika und dann noch 166 Meilen „durch den Busch“ bis zum Tanganikasee geschleppt, um dort einen deutschen Dampfer zu versenken. Eine geheime Mission, die dadurch Brisanz erhält, dass sie von Geoffrey Spicer Simson geleitet wird, einem bislang äußerst wenig erfolgreichen Kriegsherrn. Er ist eine schillernde Figur, eitel und chaotisch, voll kindlichen Tatendrangs. Seine Vorbereitungen zur Versenkung der „Götzen“ bestehen vor allem in der Bevorratung mit Fantasie-Uniformen und Sherry.

Alex Capus ist ein wunderbarer Erzähler. Wie es ihm gelingt, sowohl die deutschen wie auch die britischen Kriegsidiotien ohne pädagogischen Zeigefinger zu beschreiben, nötigt mir Bewunderung ab. Seine Protagonisten sind tragische Gestalten im Sinne des Wortes, Capus setzt sie schonungslos Erfolgen und Niederlagen aus, mal eher lakonisch, dann wieder mit Sprachgewalt. Eine ungemein beeindruckende Geschichte wird erzählt, und jetzt kommt es: Sie hat sich tatsächlich zugetragen. Unglaublich, wie viel Wissen, wie viel Recherche nötig waren, um einen Roman wie „Eine Frage der Zeit“ zu komponieren!

Die „Götzen“ fährt übrigens noch immer auf dem Tanganikasee, mittlerweile als Passagierdampfer unter dem Namen „MS Liemba“. Hermann Schulz, Freunden der www.buchkultur.de gewiss kein Unbekannter, ist selbst auf ihr gefahren und kann Ihnen was erzählen …

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann