Milchblume

Monatstipp Oktober 2007

Thomas Sautner: Milchblume

Verlag: Picus
rezensiert von Christian Oelemann

Thomas Sautner hat seinem Roman einen wunderschönen Titel gegeben: Milchblume bezeichnet im Volksmund der Jenischen ein natürliches, aus Frischkäse gewonnenes Penicillin, wie es die Zigeuner verwendeten, um ihre Kranken zu heilen.

In diesem fesselnden, mal zärtlichem, mal grausamen Roman geht es um Legg, ein österreichisches Dorf. Die Handlung spielt während der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Erzählt wird vom frommen Leben einfacher Viehbauern.

Gewalt, Verrat, Sodomie und Inzest sind an der Tagesordnung, der Alltag ist geprägt von den Jahreszeiten, von der harten Feldarbeit, von volkstümlichem Aberglauben und bigottem Katholizismus. Das Wort des Pfarrers und des Bürgermeisters sind Gesetz, der Vater erzieht seine Söhne mit harter Hand zu gehorsamen Christenmenschen, so wie er selbst von seinem Vater mit aller Strenge gezüchtigt wurde. Der Umgangston zwischen den Bewohnern ist rau, kein liebes Wort, kein Ausdruck der Zuneigung schenkt etwas Wärme im trostlosen Bauernalltag.
"Dabei sind die Menschen so liebesbedürftig," wundert sich Jakob, der Idiot, der "Trottel, Verrückte, Hornochs“. Doch verbirgt sich hinter seiner Schwachsinnigkeit ein philosophischer Geist, der mit der Neugier eines Kindes sich und sein Verhältnis zur Welt befragt. Dass er dadurch zum Außenseiter gestempelt, Opfer grausamer Späße und Hänseleien wird, schert ihn nicht, denn den Preis der Anpassung und Selbstverleugnung, den es zu zahlen gilt, um "normal" zu sein, will er nicht akzeptieren.

Die Zigeuner, die auf den Höfen ihr Winterquartier beziehen, zeichnen sich durch eine tiefe Spiritualität, durch uraltes Wissen und eine ursprüngliche Naturverbundenheit aus. Wie Jakob werden auch sie von den Dorfbewohnern aufgrund ihres Fremd-Seins abgelehnt. Der Anführer der Fahrenden, der alte Fabio, wird zu Jakobs Lehrer und ermutigt ihn, weiter seinen Gefühlen, seinem Instinkt zu folgen. Doch das ist ungeheuer schwer für Jakob, der auf dem Seifritz-Hof, wo er überaus schlecht behandelt wird. Nur mit Silvia, seiner Schwester, eine zarte, jedoch verzweifelte Liebe. Jakob ahnt, dass es um seine Herkunft ein gut gehütetes Geheimnis gibt, das aus dem vernarbten Gesicht des Pfarrers, aus der grausamen Behandlung durch die Seifritz-Bauern sowie aus seiner tief empfundenen Zuneigung zu den Zigeunern spricht.

Sautner hat eine enorme sprachliche Kraft. Indem er seine Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt - der allwissende Erzähler schildert das Geschehen quasi aus der Vogelperspektive, während Ich-Erzähler Jakob mit einem Raben Zwiesprache hält und sein Leben in Legg aus kindlich-unschuldiger Sicht beschreibt bzw. hinterfragt.

Ich möchte Ihnen diesen Roman gerne ans Herz legen!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann