Die Hochzeit von Zandvoort

Monatstipp November 2007

Pieter Waterdrinker: Die Hochzeit von Zandvoort

Verlag: Aufbau Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Den klangvollen Namen Pieter Waterdrinker habe ich erst kürzlich wahrgenommen. Dass ich ihn nicht wieder vergessen werde, liegt am Roman „Die Hochzeit von Zandvoort“, den ich soeben gelesen habe und der mich auf eine Weise begeistert hat, dass ich am liebsten schweigen würde. Schweigen und auf eine gewisse Art Schauen, das möchte ich eigentlich bei diesem Buch. Doch mit Schweigen lässt sich keine Lektüre empfehlen, es sei denn, ein Freund, dem man vertraut, schweigt dergestalt.
Was für ein unglaubliches Buch! „Die Hochzeit von Zandvoort“ spielt in den späten Fünfzigern, einer Zeit also, als das Verhältnis zwischen Niederländern und Deutschen wegen des noch nicht lange zurückliegenden „Dritten Reichs“ äußerst gespannt war. Kein anderes Land als die Niederlande hatte, bezogen auf seine Einwohnerzahl, prozentual so viele Opfer des Nationalsozialismus zu beklagen; andererseits gab es in keinem anderen Land auch so viele Kollaborateure und Gewinnler. Diese Stimmung wird von Pieter Waterdrinker in einer Weise wiedergegeben, die ich bislang in keinem niederländischen und keinem deutschen Roman gefunden habe: Schlichtweg Brillant!
In einer Rezension des Bayerischen Rundfunks hörte ich, es handele sich um einen modernen Schelmenroman über das Verlangen nach Glück. Nein, dem kann ich nicht zustimmen, geschelmt wird in diesem gut 400 Seiten starken Buch wirklich nicht. Dennoch, die Lektüre wird zu einem überaus komischen Vergnügen; bissig ist das alles, ungeheuer bissig. Aber auch so ergreifend, dass ich manchmal gegen die Tränen kämpfen musste. Schwer zu ertragen, doch beglückend!
So genannte Kommunisten und veritable NSBler kommen durchaus vor, sie sind aber Randfiguren. Die Hauptpersonen, alle Mitglieder der Hoteliersfamlie Bagman auf holländischer Seite sowie die drei Benders aus Köln, sind im Grunde Leute wie du und ich – alle suchen das kleine Glück, kämpfen dabei gegen unbegründbare Vorurteile an und erliegen ihnen dennoch größtenteils.
Zandvoort, ein holländischer Badeort, 1958.
Die Heirat der deutschen Wurstfabrikantentochter Lisa Bender mit Ludo Bagman soll das Ereignis des Jahres werden, wird es aber nicht. Die Braut hat ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht, der Bräutigam hat sich beim Fremdgehen die Syphilis eingefangen.
Als die Lokalzeitung berichtet, dass sich Vater Bagman im Krieg an jüdischem Vermögen bereichert habe (was nicht stimmt, wie allerdings nur die Leser, nicht aber die Zandvoorter Zeitgenossen erfahren), schlägt den Bagmans der Hass der Einheimischen entgegen: Keiner will die eigens aus Köln angereiste Blaskapelle beherbergen. Und dann nehmen die Geschehnisse ihren komischen und traurigen Lauf …
Am Schluss erklingt statt des Hochzeitsmarschs Trauermusik.

Selten ist es mir so ergangen, als hätte ich das soeben Gelesene gleichsam als Film erlebt, doch hier war es so. Pieter Waterdrinker ist ein sprachvirtuoser Formulierer, ein kluger Erzähler, und dass in der deutschen Ausgabe seines Romans ärgerlich viele Druckfehler vorkommen, ist wahrlich nicht ihm anzulasten. Sehen Sie darüber bitte hinweg, lassen Sie sich auf eine ergreifende, eine spannende Lektüre ein und reden Sie mit Freunden darüber!
Solch ein Buch gibt es nicht oft. Es ist wirklich ein Glücksfall! „Die Hochzeit von Zandvoort“ sollte irgendwann Klassenlektüre für Abiturienten werden, mindestens europaweit. Sexszenen hin, Sexszenen her. Die gehören halt dazu. Die können auch Jugendliche vertragen, da bin ich ganz sicher.
Es gibt Wichtigeres als Harry Potter!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann