Niagara

Monatstipp Dezember 2007

Joyce Carol Oates: Niagara

Verlag: S. Fischer-Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Sie finden sich in einer kitschigen Hochzeitssuite wieder. Zwei nicht mehr ganz junge Menschen, in der körperlichen Liebe unerfahren, beginnen mit dem Ritual der Hochzeitsnacht. Ariah trinkt sich Mut an, um den körperlichen Akt zu überstehen. Gilbert, kürzlich Reverend geworden, widert nicht nur ihr Atem an sondern auch der Geruch ihres Körpers, ebenso sein Anblick. Er versucht seine Pflicht zu tun, doch beim Sex erkennt er, dass er mit dieser seiner Frau nicht zusammen leben kann. Im Morgengrauen flieht er aus dem Hotel und stürzt sich in die Niagarafälle, um dort die Schande seiner Pfarrer-Existenz auszulöschen. Ariah ahnt bald, was passiert ist, findet einen beschämenden Abschiedsbrief und beteiligt sich, zutiefst unter Schock stehend, an der Suche nach dem Leichnam ihres Mannes. An ihrer Seite hilft Dirk Burnaby, ein junger, wohlhabender und vor allem attraktiver Anwalt.
Barneby verliebt sich in die spröde Witwe und hält nach wenigen Wochen um ihre Hand an.
Beide stürzen sich in ihre heftig aufflammende Liebe, ergeben sich dem Sog starker Leidenschaft. Ariah glaubt zu träumen, ist dieser Mann an ihrer Seite doch mehr, als sie je zu hoffen wagte. Gott scheint ihr verziehen zu haben. Die beiden führen eine Bilderbuch-Ehe, bekommen drei Kinder, genießen ihr Glück in vollen Zügen. Und doch fürchtet Ariah, sie sei von Gott verflucht. Das Rauschen des Niagara erweist sich abermals als böses Omen. Auch Dirk stirbt einen mysteriösen Tod. Ariah wird zum zweiten Mal in ihrem Leben Witwe und fühlt sich vom Leben zurückgewiesen.

Joyce Carol Oates ist ein beinahe 600 Seiten langer Familienroman gelungen, der bereits meisterlich beginnt und sich von Seite zu Seite steigert. Außer von Ariahs und Dirks Gefühlen erfahren wir nach und nach die Wahrnehmungen ihrer Kinder Chandler, Royall und Juliet, die, zunächst jeder für sich, später gemeinsam die Schattenseiten der Barnebys aufdecken.
Dabei wechselt Oates meisterlich die Erzählperspektive, ohne je den Faden zu verlieren. Sie verwebt verschiedene, alle für sich spannende Episoden zu einem Kunstwerk, wie es die Literatur lange nicht hervorgebracht hat. Joyce Carl Oates zeigt uns ein Amerika, das wenig mit dem Bild von Bush-Wählern gemeinsam hat. Ihre Protagonisten streiten um Selbstbestimmung und Aufrichtigkeit, können sich aber nie gänzlich von ihrer familiären Herkunft und den darin gründenden Ängsten und Abhängigkeiten lösen. Und doch gibt es – da verrate ich nicht zu viel – ein Ende, mit dem wir gut Leben können.

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann