Das Meer der Wahrheit

Monatstipp Oktober 2008

Andrea de Carlo: Das Meer der Wahrheit

Verlag: Diogenes
rezensiert von Christian Oelemann

Andrea de Carlo war schön öfter unser Tipp des Monats. Ich halte ihn eindeutig für den unterhaltsamsten Autor, den die italienische Literaturszene derzeitig zu bieten hat, erst recht nach der Lektüre seines neuen Buchs, das zugleich ein politischer Roman ist, weil er von der Verantwortung der katholischen Kirche für das tausendfache Sterben von Aids-Kranken in Afrika handelt. Zugleich ist es ein spannender Krimi, wie ein Simenon ihn hätte komponieren können, und letztendlich haben wir es mit einem herzerwärmenden Liebesroman zu tun.

Lorenzo Telmari erfährt von seinem jüngeren Bruder Fabio, während er am Fenster steht und den ersten Schnee fallen sieht, dass ihr Vater, ein international anerkannter Virologe, gestorben ist. Er soll sofort kommen. Lorenzo hat zuletzt wenig mit seinem Vater, über den er sehr wenig weiß, verbunden. Das ändert sich nun; In seinem wenig stadttauglichen Pick-up eilt Lorenzo nach Rom, wo ihn sein politisch erfolgreicher Bruder und dessen kapriziöse Frau in Hektik empfangen. Lorenzo fühlt sich unwohl bei ihnen und sehnt sich danach, nach der Beerdigung wieder in seine geliebte Provinz-Einsamkeit verschwinden zu können, doch es warten gefährliche Abenteuer auf ihn, denen er sich nicht entziehen kann und bald auch nicht mehr will.
Es beginnt damit, dass ihn bei der Bestattung eine wildfremde Frau namens Mette anspricht, sie erwähnt eine Organisation namens Stopwatch und den afrikanischen Kardinal Ndionge, den Telmari sen. offenbar gekannt hatte.

Dann wird in der Wohnung seines Vaters eingebrochen. Sukzessive begreift Lorenzo, um was es der Dänin Mette und ihren politischen Freunden eigentlich geht: Um ein bahnbrechendes, nun leider verschwundenes Manuskript, das der Kardinal dem Virologen zur Veröffentlichung anvertraut hat. Dieser Text ist eine einzige Anklage gegen die katholische Kirche und ihre verlogene Moral in Sachen Empfängnisverhütung. Stopwatch sucht händeringend nach diesem brisanten Papier, Mette und ihre Kombattanden versuchen Lorenzo zur Mitarbeit zu bewegen. Das ist hoch gefährlich, denn es gibt eine Lobby, die auch vor Mord nicht zurückschreckt, wenn es darum geht, den Text aus der Welt zu schaffen.

Dass sich Lorenzo nach anfänglicher Skepsis gegen seinen telegenen Bruder stellt und Stopwatch unterstützt, ist allerdings weniger seinem politischen Gewissen als viel mehr der Tatsache geschuldet, dass er sich unsterblich in Mette verliebt. Unvergessliche Szenen, die leicht in Kitsch hätten ausarten können, wäre de Carlo nicht ein so begnadeter Erzähler! Aus seiner Unzufriedenheit mit der politischen Realität, hat er keinen Hehl gemacht, die gesellschaftlichen Missstände im Berlusconi- Italien (und nicht nur dort) führt er geradezu satirisch vor. Wunderbar, wie er diesen stets mit drei Handys ausgestatteten Fabio skizziert, dessen permanentes Schielen nach Öffentlichkeit, sein sehr schwammiges politisches Verhalten – das hat einfach Klasse!
Vor allem aber stilistisch überzeugt mich „Das Meer der Wahrheit“ rundum und ich wünsche diesem spannenden Buch viele aufmerksame Leser!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann