Der Knacks

Monatstipp November 2008

Roger Willemsen: Der Knacks

Verlag: S. Fischer-Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Erstmalig ist es ein ausgesprochener Fernseh – bzw. Rundfunkmensch, den ich Ihnen im November-Tipp ans Herz legen möchte, und nicht etwa irgendeiner, sondern der in meinen Augen intelligenteste, belesenste, wortgewaltigste Moderator, den wir in Deutschland haben: Roger Willemsen. Einen großen, ja, bedeutenden Essay hat er nun vorgelegt, der sich einem Phänomen widmet, mit dem wir alle schon in Berührung gekommen sind, dem Knacks.

Der "Knacks", so Willemsen, trete in den unterschiedlichsten Formen auf, als Erfahrung einer Krankheit oder eines Unfalls, als berufliche Niederlage oder Scheitern einer Liebe, als Verrat oder Vernachlässigung und vor allem im Bewusstsein des Alterns, als hemmungslos sentimentale Krankheit zum Tode. Der Ausdruck Knacks ist dafür gut gewählt, denn darin steckt das Heimliche, das zunächst nicht Sichtbare, das Verborgene, das dennoch die Tauglichkeit eines Gegenstands oder eines Menschen von Grund auf in Frage stellt - und dazu noch etwa absurd Lustiges im Klang des Wortes. Das Trauma, schreibt Willemsen, sei wie eine Narbe - den Ursprung habe man vergessen, sie mache sich aber in verwandten Situationen als Warnung und Hindernis gelten. Der "Knacks" hingegen sei wie eine Falte: "an keinem Tag entstanden, in keiner Situation begründet" und doch "eine Signatur der Zeit".

Der "Knacks" ist eine fatale Kategorie: Denn wer an ihn glaubt, will grundsätzlich und umfassend von allen Gründen des Scheiterns absehen. Es interessiert ihn nicht, ob einer nicht mehr tun kann, was er tun will, weil sein Arbeitsplatz nach Rumänien verlegt wurde oder weil er in Depressionen fiel. Noch weniger interessieren ihn die Gründe, warum einer seinen Job verliert, warum eine Liebe scheitert, warum einer so traurig wird, dass er nicht mehr zu handeln vermag, warum die Städte so hässlich und die Landschaften so verdorben sind.

Der "Knacks" ist oft makaber. Der Tod des Vaters beispielsweise, die schlechte Berufswahl, das private Unglück - alles, worauf es bei ihm ankommt, zielt auf dasselbe: auf die rigorose Privatisierung des Leidens. Man muss nur die Augen öffnen.

"Es gibt eine Zeit", schreibt Roger Willemsen, "da man die eigenen Verluste auf die Außenwelt projiziert und politisch wird. Es kommt eine andere Zeit, in der man souverän wird und weiß, dass Politik, auf die man Einfluss hat, keine ist." Die gegenwärtig so häufig zu hörende Rede von der "Alternativlosigkeit" anstehender Maßnahmen gehört zu den beliebtesten Floskeln einer Politik, die den uns befallenen gesellschaftlichen Notstand geradezu aufwertet. Willemsen hat dazu die passende Philosophie geschrieben, die ich Ihnen, wärmstens empfehle. Mit seiner geschliffenen Sprache liest sich das Buch nicht nur spannend und unterhaltsam, man kann es auch hervorragend anhören, denn wer, wenn nicht Willemsen selbst, hätte besser dazu das Zeug, seine Gedanken zum Knacks vorzulesen, zu erzählen?

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann