Die Entzifferung der Schmetterlinge

Monatstipp Februar 2009

Stefan aus dem Siepen: Die Entzifferung der Schmetterlinge

Verlag: Atrium
rezensiert von Christian Oelemann

Schon mit „Luftschiff“ hat mich Stefan aus dem Siepen im letzten Jahr über die Maßen erfreut. Ähnlich wie sein Vorgänger ist aber auch „Die Entzifferung der Schmetterlinge“ ein recht schlanker Roman, der uns eine höchst ungewöhliche Geschichte erzählt, ebenfalls in ehrgeiziger, oft geradezu virtuoser Sprache, und beide Bücher des noch recht jungen Autors haben mich oft zum Lachen gebracht, obschon sie eigentlich von Verriickten, nicht ins Leben Passenden handelt; indem er uns zum Lachen bringt, hält aus dem Siepen uns Lesern - meistens, wenn es richtig peinlich wird – den Handspiegel vor, und was wir darin erblicken, erinnert uns entfernt an alte Fotografien von uns selbst.
Peter Nauten heißt der „Held“ des Romans. , der schon als Knirps in der Gundschule mit einem sanften und gesammelten Ernst auf Fragen der Lehrer antwortet. Der seinen Mitschülern fremd bleibt und eine eigensinnige Lebensfreude in sich trägt, die er auch gegen den zerstreuten Vater behauptet, einen erfolglosen Nervenarzt, und gegen die Mutter, fahrige Herrin einer fusselfreien Zone, in der die Kleinfamilie dahinlebt.
Was für ein Kerl, dieser Peter! Ich mag ihn trotz seines mürrischen Dreinschauens, ja vielleicht gerdade, weil er im Grunde kein Strahlemann ist, in der Tanzstunde beispielsweise alleine tanzt , mit einer imaginären Partnerin im Arm. Er ist sich der Peinlichkeit, die uns zum Lachen bringt und damit unfreiwillig zu Voyeuren macht, nicht im Geringsten bewusst deshalb kann man ihm nichts übel nehmen. Trotz aller Wunderlichkeit steckt in Graumaus Nauten auch eine schimmernde Figur. Er hat ein ausgesprochen ausgefallenes Steckenpferd. Nauten, der alte Sprachen studierte, (wenn man von Studieren überhaupt sprechen kann – sein Arbeitseinsatz an der Uni hält sich stark in Grenzen) hat auf den Flügeln von Schmetterlingen Zeichen entdeckt, die der Linienschrift der Phönizier ähneln. Findet jedenfalls er. In ihm wächst die Vermutung, dass die Natur eine ihr eigene Sprache hervorgebracht hat, die es herauszuarbeiten und nachzuweisen gilt – ein hehres Ziel!
Stefan aus dem Siepen hat nicht nur einen sonderbaren Namen, er sieht auch sonderbar aus mit seinem AOK-Kassengestell ( immerhin lässt er sich damit ablichten, muss es also mögen) und er schreibt enorm sonderbare Bücher. Sonderbar im Sinne von eigenwillig. Aus dem Siepen , von Nebenberuf Diplomat an der Botschaft in Moskau, hat wieder einen Kauz (ein alter ego?) erfunden, um unsere auf Gleichgültigkeit und schnellen Konsum ausgerichtete Gesellschaft aus dessen Blick und darin gespiegelt zu erzählen mit einer hinreißenden Ironie.
Nauten taugt nicht zum bürgerlichen Leben, passt nicht in das strebsame Rudel auf dem hastigen Weg ins Wirtschaftswunder. Und ist doch keineswegs ein Rebell. Nur auf ungelenke Weise er selbst.
In dieser liebenswert wunderlichen Figur des Peter Nauten, die so weltfern und störrisch durch das nach Normalität gierende Nach-Nazi-Deutschland tappt, hat Stefan aus dem Siepen das Gegenbild zu den normierten Anpassern und geschmeidigen Aufsteigern gemalt, die die leider Mehrheit sind in unserem Lande, also das Richtmaß. Doch vor dem Hintergrund dieses eigentümlich entrückten Mannes wird Normalität eine ziemlich schale Angelegenheit. Stefan aus dem Siepen hat für seine Geschichten einen ganz eigenen, einen unzeitgemäßen Ton gefunden. Eine präzise Sprache, bedächtig, altmodisch. Das tut wohl. Ein Autor, der seine Worte nicht rotzig hinwirft, sondern liebevoll wählt. Der Sprache mag. Ich empfehle ihnen dieses kurzweilige, vergnügliche Kleinod!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann