Clarissas empfindsame Reise

Monatstipp April 2009

Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise

Verlag: Hoffmann und Campe
rezensiert von Susanna Erb

So wenig die Protagonistin dieses köstlichen Romans durch Empfindsamkeit glänzt, so sehr glänzt doch die Reise, die sie unternimmt und auf die sie uns mitnimmt.
Eine empfindsame Reise?
Aber ja: die Empfindsamkeit bietet sich Clarissa an, versucht sie zu erreichen auf ihrer Reise und in der Begegnung mit so vielen verschiedenen Menschen und ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten – Schicksale ganz anderer Natur als ihr eigenes!
Denn Clarissa, eine junge Frau von 35 Jahren, die mangels inneren Stils den äußeren um so mehr herausputzt, kennt im Grunde nur eins: sich selbstverliebt selbst zu betrachten.
Mit einem Engel von Mann verheiratet, der ihr alle Freiheiten lässt und ihr liebevoll all ihre Kapricen finanziert, verschreibt sich die junge amerikanische Emigrantin als Medizin eine Reise aus Europa nach New York, um ihren letzten Liebhaber, einen alten verheirateten, russischen Lyriker zu vergessen, der die Frechheit besaß, sie einfach eines Tages nicht mehr zu lieben.
Der Weg ist weit, denn sie hat viel zu vergessen und viel zu betrauern und viel zu erzählen. Schon im Flieger trifft sie ihren ersten Tröster, einen hübschen Dänen
– ja, nach Aussehen und Akzent muß er das sein –
der sich bald darauf als palästinensischer Schönheitschirurg entpuppt und der ihr mit Korrekturvorschlägen zu Leibe rückt und ihr weniger Trost zukommen lässt als die starke dänische Schulter im Flieger es versprach.
Mit ihm beginnt ein Roadmovie durch die Staaten. Obwohl Clarissa völlig unpolitisch ist, lässt sie sich, beeindruckt vom Charisma Barak Obamas in den Wahlkampf hineinziehen und nimmt sich vor, etwas für seinen Sieg zu tun.
Auf dem Weg zu ihrem doppelten Ziel begegnen ihr Menschen aus allen
Gesellschaftsschichten, Menschen, die nach ihrer Empfindsamkeit rufen und der sie zuletzt mit Empathie antworten kann- ein wenig zumindest.
Nach langen Um- und Irrwegen landet sie irgendwann tatsächlich in NY und gibt der empfindsamen Reise eine ausnahmsweise wunderbar empfindsame Antwort!
Lassen Sie sich selbst überraschen: Irene Dische schafft es, mit ihrem Talent für Ironie und Situationskomik auf jeden Fall jenen Leser in ihren Bann zu ziehen, der Spaß an außergewöhnlichen Perspektiven hat. Außerdem bietet sie uns ihre tragikomische Geschichte in einer exorbitant ausgefeilten Sprache an: es schauert einen nur so vor Sprachgenuss!
Obama wurde gewählt.
Aber dieses Buch wartet noch auf Ihre Stimme.
Bitte wählen Sie und amüsieren Sie sich gut!


"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann