In meinem Spanienland

Monatstipp März 2010

Gabi Kreslehner: In meinem Spanienland

Verlag: Picus
rezensiert von Christian Oelemann

Zugegeben, als Buchhändler hätte mir der Name Gabi Kreslehner nicht unbekannt sein dürfen, gewann sie 2009 doch den schon jetzt renommierten Peter-Härtling-Preis für ihr Buch „Charlottes Traum“. Mir aber fiel sie erst jetzt auf, dank eines sprachlich fulminanten Werks, das just im Picus Verlag heraus gekommen ist und den zunächst irreführenden Titel „In meinem Spanienland“ trägt. Irreführend insofern, als nicht eine Szene des Romans in Spanien spielt. Spanienland, das ist der Ort der Träume, dahin sehnt sich die Protagonistin Carmen, weil ihr Vater, der Frau und Tochter früh verließ, äußerlich etwas von einem Spanier hatte, aber keiner ist; Steffi, ihre Mutter, die diese Trennung auch nicht verwinden kann, erbt von ihrem zweiten Mann ein Gasthaus; sie gilt als Schönheit, die traurig am besten kocht; das Salz ihrer Tränen macht den Ruf ihrer Küche aus. Ihre Tochter Carmen nennt sie nur „das Mensch“; und so behandelt sie sie auch.
Carmen ließe so gern das Leben in all seinen Erscheinungsformen zu, aber das Leben ist anderswo, nicht um Carmen, die es lernt, sich auf Kommando zu übergeben, wenn sie sich wehrt. Fast parodistisch skizziert Gabi Kreslehner die männliche Kleinstadtbevölkerung, die es geradezu magisch in Steffis Wirtshaus zieht, weil dort auch erotische Erfüllungen serviert werden, zunächst nur von der Tränenköchin, mit schwindender Pummeligkeit auch von Carmen.
Die 1965 geborene Ottensheimer Hauptschullehrerin Gabi Kreslehner hat eine ungeheuerliche Geschichte komponiert, die auch aus der Feder eines Thomas Bernhardt stammen können. Brillant ihre Wortwahl und die Idee, mit zwei sprachlichen Ebenen zu arbeiten. Das ist zum einen ein auktorialer Erzähler, der der Leserschaft den Lauf der Ereignisse um Carmen herum präsentiert; dann aber wird Carmen quasi immer wieder aber in den Zeugenstand gehoben, und sie erzählt im Präsens und in der ersten Person.
„Carmen oder wie sie die Welt sah“, wäre mein Vorschlag für einen geeigneten Titel dieses herrlichen Buchs gewesen. Carmen durchschaut die Gesellschaft, in der sie aufwachsen soll, aber nicht richtig erwünscht ist, messerscharf. Dass sich die Männer gleich in Scharen in die Nähe ihrer Mutter begeben um sich von ihr be – bzw. einkochen zu lassen, beeindruckt sie vermutlich nur äußerlich wenig. Dass ihre Mutter stets eine gewisse Laszivität umgibt, wird für das pubertierende, noch dickliche Mädchen geradezu zur Provokation. Aber sie weiß sich zu wehren, indem sie sich übergibt. Mit dem einsetzenden Verblühen von Steffis Anziehungskraft bei gleichzeitigem Auftrieb der eigenen Weiblichkeit wendet sich das Kräfteverhältnis dieser überaus schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung.
Gabi Kreslehner versteht es meisterlich, große, sehnsüchtige Gefühle mit ausdruckssicherer Genauigkeit und Zurückhaltung so unkitschig zu beschreiben, dass Carmens Schmerz immer wieder fast körperlich spürbar wird. Dank der Suggestivkraft ihrer Sprache findet man sich als Leser nicht nur immer wieder selbst im Gastraum, wenn das tränengewürzte Essen serviert wird, sondern ist auch Augen- und Ohrenzeuge, wenn die Donau über ihre Ufer tritt und das Gasthaus überflutet.
Ein ungeheuer starkes Buch! Nichts für schwache Nerven!


"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann