Letzte Nacht in Twisted River

Monatstipp Juni 2010

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Verlag: Diogenes
rezensiert von Christian Oelemann

Im Grunde ist es nicht unsere Idee gewesen, in unserer Rubrik Tipp des Monats Romane anzupreisen, die schon vor ihrem Erscheinen als Bestseller feststehen, wie das bei einem neuen John Irving ja üblich ist. Eigentlich lenken wir die Aufmerksamkeit der Leser lieber auf Titel, die ihnen vielleicht anderweitig nicht aufgefallen wären.
Als ich Letzte Nacht in twisted river las, war das Buch jedoch noch nicht erschienen, und ich kam einfach aus dem Staunen nicht heraus. Darüber muss ich einfach schreiben!, war mir sofort klar.
Irgendetwas macht dieser John Irving einfach anders als sämtliche Kollegen. Er ist eine Ausnahmeerscheinung. Irving kann mitunter enorm derb, geradezu vulgär schreiben und ist dabei nie vulgär. Er trifft genau den Ton seiner Figuren, wir sehen sie vor unserem inneren Auge handeln und sprechen wie in einem großen Film.
Und wie in seinen Vorgängern steckt in den Hauptfiguren Irvings auch in Letzte Nacht in twisted river wieder einmal jede Menge eigenes Biographie-Material. Wieder gibt es Bären, Ringer und aufstrebende Schriftsteller, wieder wird leidenschaftlich geliebt und begehrt, dass alle Sinne für die Dauer der Lektüre Feiertage anmelden dürfen. (Garp, New Hampshire und Gottes Werk und Teufels Beitrag lassen herzlich grüßen!) Die drei Charaktere, die mir in diesem Buch am meisten Eindruck hinterließen, sind Ketchum, ein ungehobelter aber liebenswerter Kerl, der sehr spät ( mit über 40) das Lesen und Schreiben erlernt, dann sein Freund, der Koch Dominic Baciagalupo und dessen Sohn Danny, von deren lebenslanger Flucht der Roman im wesentlichen erzählt.
Dass Vater und Sohn fliehen müssen, hat eine makabre, aber, wie bei Irving gewohnt, glänzend erzählte Vorgeschichte.
Der noch nicht genügend aufgeklärte 12jährige Danny wird im Dunkeln Zeuge eines Liebesaktes zwischen seinem Vater und der üppigen, langhaarigen Indianerin Jane, die zwar eigentlich die Geliebte des brutalen Dorfsherrifs ist, aber im Grunde ein weiches Herz für die Baciagalupos hat - sie liebt den Koch und behandelt dessen Kind wie ein eigenes). Danny hält das Liebesspiel für einen Kampf, und da es in der Umgegend schon mehrfach zu Überfällen von hungrigen Bären gekommen ist, wie man ihm erzählte, erschlägt er Jane mit einer schweren, gusseisernen Pfanne, um seinem Vater das Leben zu retten. Zunächst gelingt es ihnen, den Vorfall so aussehen zu lassen, als habe der nachts stets volltrunkene Polizist seine Braut selbst getötet, aber weil sie den Fehler begehen, vorerst zu verschwinden, schüren sie den Argwohn des Sherrifs, der sich dazu reichlich in der Gerüchteküche bedient und Vater und Sohn nachspürt – bis über die Landesgrenze hinaus und über Jahrzehnte.
Danny, der angehende Romanautor, der ein Leben lang im Grunde nur seine eigene Geschichte erzählt und damit berühmt wird, verliert schon mit Anfang 20 seinen Sohn bei einem Unfall. Dieser Verlust bindet ihn noch stärker an den geliebten Vater und dessen kauzigen Freund Ketchum. Mehrgleisig führt Irving deren Entwicklungen zu ihren jeweiligen Höhepunkten, behält dabei aber immer Schriftsteller Danny im Visier.

Ein wirklich grandioser Roman! Ich möchte ihn Ihnen trotz des Medienrummels ans Herz legen! Ich las lange nichts vergleichbar Gutes!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann