Das Geburtstagsgeschenk

Monatstipp Juli 2010

Barbara Vine: Das Geburtstagsgeschenk

Verlag: Diogenes
rezensiert von Christian Oelemann

Barbara Vine ist die englische Grande Dame des psychologischen Romans und des englischen Kriminalromans von heute. Für den Krimi wurde sie zunächst unter ihrem bürgerlichen Namen Ruth Rendell berühmt. Sie gehört der Labour Party an und sitzt im bedeutungslosen Oberhaus. Die Klassengrenzen im vereinigten Königreich sind oft Thema in ihren Romanen.
So auch in „Das Geburtstagsgeschenk“, ihrem bislang besten Roman, so weit ich das beurteilen kann (ich las nicht alle) Zugegeben, ich brauchte 30 Seiten, bis mir klar war, wie der Hase läuft. Zwar faszinierte mich schon der Anfang des Romans, doch verstand ich zunächst die Zusammenhänge nicht – bis mir klar wurde, dass es zwei Ich-Erzähler gibt. Was für ein gewiefter Schachzug! Der fiktive Tory'Ivor Tesham' ist Nachkomme einer wohlhabenden Gutsbesitzerfamilie. Angesiedelt ist die „das Geburtstagsgeschenk“ in den Neunzigern, während der letzten beiden Regierungsperioden der Tories. Aber keine Angst, Sie müssen kein Kenner der britischen Innenpolitik sein, um an diesem exzellenten Roman Vergnügen zu finden. Doch Politik ist nur der Aufhänger für Vine’s Geschichte um Ignoranz, die zum Himmel schreit und deren unabsehbare Folgen. Berlusconi und Springer lassen quasi grüßen!
Es geht dieser wunderbaren Schriftstellerin dabei nicht um schmutzige Wäsche mit politisch Andersdenkenden, auch wenn sie aus den vorläufig dem Tory-Nähkästchen der scheidenden Frau Thatcher plaudert, mit all ihren Skandalen und Rücktritten. Vielmehr rechnet sie mit den zahllosen Boulevard-Blättern ab, die scheinheilig über die von ihnen selber je nach Belieben festgesetzte Moral der Parlamentarier wachen sowie der Scheinheiligkeit des politischen Betriebes, der immer nur dann auf längst überholte moralische Normen pocht, wenn es gilt, den politischen Gegner zu vernichten.
So schreibt einer der beiden Ich-Erzähler, der Begriff „Lebensabschnittpartner“ sei Anfang der Neunziger erst im Aufkommen gewesen. Als konservativer Politiker sollte sich der Anfang 30-jährige Ivor also besser verheiraten, um glatter die Erfolgsleiter nach oben nehmen zu können. Doch ist es natürlich keine Sünde, „nur“ eine Geliebte zu haben. Doch Ivor's Geliebte ist verheiratet, anderweitig, und so trifft man sich lieber heimlich. Auch Sex ist ja für einen Tory nicht verboten, aber schön normal und gewöhnlich sollte er bitte sehr sein. Ivor mag's auch außergewöhnlich und so entschließt er sich zu einem Unfall seiner Geliebten, zu schweigen. Selbst als die Polizei von einem Verwechslungsfall und Entführung ausgeht, meldet sich Ivor nicht. Jetzt gibt es kein Zurück mehr für ihn. Er muss damit leben, dass ein immer größer werdendes Geflecht von direkt oder indirekt Betroffenen Ivors Involviertheit ans Tageslicht bringen könnte. Schuldgefühle, Wiedergutmachungsversuche und Beschwichtigungen prägen die nächsten Jahre, doch sein politischer Aufstieg geht unaufhaltsam weiter. Vorerst….
Profi Barbara Vine beherrscht ihr Metier, wie kaum ein anderer. Gerade mit ihrer unaufgeregten Erzählweise ihrer beiden Ichs erzeugt sie enorme Spannung. Beide erzählen rückblickend aus der Gegenwart. Und decken peu à peu, auf. Sie schmeißen uns Häppchen hin, mit Bemerkungen wie „Was ich damals noch nicht wußte“ oder „damals natürlich noch nicht ahnen konnte“ zum Ende eines Kapitels, um uns dann aber erstmal wieder auf die chronologische Bahn zu verweisen. In dieser werden Ereignisse der Zukunft manchmal ganz zart und sublim angerissen, im Nebulösen gelassen. Das zwingt den Leser pausenlos zum Mitdenken, gibt den grauen Zellen reichlich Nahrung.
Als Ruth Rendell erinnerte mich die Autorin stilistisch an Patricia Highsmith. Als Barbara Vine möchte ich sie eher mit Andrea de Carlo oder Ian McEwan vergleichen. Auf alle Fälle beweist uns der Diogenes Verlag wieder einmal, dass auch aus dem Krimi-Genre große Literatur kommen kann!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann