Fremdes Land

Monatstipp Oktober 2010

Thomas Sautner: Fremdes Land

Verlag: Aufbau
rezensiert von Christian Oelemann

Der Name Thomas Sautner sagt leider sehr vielen Lesern noch immer nichts. Dabei haben seine Bücher in den einschlägigen Feuilletons allerbeste Besprechungen, und in Wuppertal Ronsdorf ist sein wunderbarer Roman „Milchblume“ im November 2007 ein Bestseller geworden und gehört noch immer zu den Geheimtipps, wenn einmal ein wirklich bemerkenswertes Leserlebnis gewünscht wird (http://www.buchkultur.de/tip/2007-10.htm). Ein solches bietet auch sein neuer, im Aufbau Verlag erschienener, Roman „Fremdes Land“.
Diesmal hat Sautner zum Rüstzeug der Satire gegriffen und schlägt damit knallhart zu!

Als ich das Buch verschlang, dachte ich eingangs, es werde übertrieben auf die Pauke gehauen, aber Vorsicht! Je mehr man in diese dolle Geschichte eindringt, merkt man, dass die sogenannte Realität längst dort angekommen ist, wo dieser Roman vorgibt, zukünftigend zu überspitzen. Sautner lässt uns Leser lange Zeit im Glauben, es sei ein verschmitztes Lächeln am Platze, wenn wir während der Lektüre Vergleiche zwischen der Erlebniswelt des traurigen Helden Jack Blind und unserer bundesrepublikanischen oder österreichischen anno 2010 anstellen.

Jack Blind arbeitet für die Partei, die im nicht genannten fremden Land die Regierung übernommen hat. Er wird sogar Stabschef, obwohl er rasch erkennt, dass es ihm an Kompetenzen fehlt, ebenso wie dem neuen Regierungschef Mike Forell. Wahrhaft die Macht haben unabhängig von den austauschbaren Figuren, die vorgeben, im Sinne des Volkes zu handeln, ganz andere – immer dieselben nämlich, die Drahtzieher der Wirtschaft (möglicherweise an zwei Händen abzuzählen).

Positive Gegenfigur zum einfältigen Jack Blind ist seine Schwester Gwendolyn, die – für den Leser deutlich – erheblich mehr Durchblick besitzt als Jack, und die damit sich selbst, aber auch den Bruder buchstäblich in Lebensgefahr bringt.
Sie ist es auch, die dem Leser auf der letzten Seite überraschend ein „Happy End“ liefert. Am Ende sitzt der Leser da und muss über sich selbst den Kopf schütteln, dass er überhaupt auf die Idee gekommen ist, den Ausgang von „Fremdes Land“ als happy zu bezeichnen.
Sautner zündet so manches sprachliche Feuerwerk; oft möchte man sich Formulierungen notieren, um sie gegebenenfalls wiederverwerten zu können.
Er spielt virtuos mit unseren Emotionen und legt einen ungemein fesselnden Zukunftsroman (Gegenwarts-?) vor, der „Fremdes Land“ zu einem der wichtigen literarischen Entdeckungen des Leseherbstes macht.
Hut ab vor Thomas Sautner und seiner Schreibkunst!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann