Angerichtet

Monatstipp November 2010

Herman Koch: Angerichtet

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
rezensiert von Christian Oelemann

Vier Menschen – zwei Brüder und ihre Frauen – haben sich zum Essen in einem Spitzenrestaurant verabredet. Sie sprechen zunächst über dies und das, über Filme oder Urlaubspläne und vermeiden lange Zeit das eigentliche Thema: die Zukunft ihrer Söhne Michel und Rick. Die beiden Fünfzehnjährigen haben etwas Grauenhaftes ausgefressen, das ihr Leben für immer ruinieren wird, wenn es ans Licht käme.
Paul Lohman, der Erzähler des Romans und Vater von Michel, will verständlicherweise das Beste für seinen Sohn; welcher Vater wollte das nicht? Und er ist bereit, dafür weit zu gehen, verdammt weit! Auch die anderen am Tisch haben ihre eigene, geheime Agenda. Etwa Pauls Bruder, Spitzenkandidat bei der bevorstehenden Parlamentswahl, möglicherweise bald neuer Ministerpräsident des Landes.
Während des Essens brechen die Emotionen auf; Jahrzehnte schwelende Konflikte zwischen den Brüdern entladen sich, und am Ende steht eine Entscheidung im Raum, die drei der vier Speisenden unbedingt verhindern wollen.
Mit unglaublicher Raffinesse und enormem Sprachwitz webt Herman Koch einen Geschichtenteppich um die Themen Elternliebe, Gewalt und Verrat. Nach und nach nur schmeckt man die wahren Abgründe und Motive der Involvierten heraus; Koch fordert den Leser immer wieder dazu auf, sein eigenes moralisches Urteil, so man überhaupt eines hat, zu revidieren.
Serviert wird „Angerichtet“ wie ein Menu. Vom Aperitif über die Vorspeise bis hin zum Digestif. Den haben wir dann allerdings nötig! Von allem, was wir geschluckt haben, ist uns bereits so mulmig, dass frische Luft her muss!

Schon beim Aperitif zeigt Koch, dass er ein Meisterkoch ist, auch wenn er zunächst noch vergleichsweise harmlose Kost auftischt; schnell aber gewinnt die Geschichte an Fahrt und übt einen Sog aus, dem wir uns als Leser, vorausgesetzt, unsere Nerven spielen mit, nicht entziehen können..
Immer wieder führt uns der in den Niederlanden bereits seit langem gepriesene Autor geschickt in die Irre, so dass wir uns nie sicher sein können, auf was wir da gerade gebissen haben.
Hier ist ein ganz großer Schriftsteller am Werk, der beweist, dass das Genre Thriller nicht zwangsläufig der sogenannten Trivialliteratur zuzurechnen ist! Unglaublich, wie es ihm gelingt, uns durch Rückblicke auf falsche Fährten zu locken. Und gerade solche gewieften Rückblicke sind es, die diesen Roman zu einem der meiner Meinung nach besten Büchern des Jahres macht!
Ein aufwühlender Roman, steht im Klappentext. Glatte Untertreibung! Wenn Sie mich fragen: „Angerichtet“ ist genial! Sowohl, was die Handlung betrifft, als auch seine Sprachkunst!
Besonders lege ich ihn Ihnen „Angerichtet“ als Hörbuch ans Herz, denn Joachim Król liest (spielt) den Text mit dermaßen viel Empathie, dass ich nicht nur vor Herman Koch sondern auch vor ihm einfach den Hut ziehen muss! Grandios, der Koch und der Król!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann