Das finstere Tal

Monatstipp Dezember 2010

Thomas Willmann: Das finstere Tal

Verlag: Liebeskind
rezensiert von Christian Oelemann

Und wieder geht es auf Weihnachten zu! Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich an dieser Stelle auf einen Romanerstling eines deutschen Schriftstellers aufmerksam machte, der von einer Qualität ist, wie man sie kaum ein zweites Mal auf dem deutschen Büchermarkt findet: Stefan Mosters Die Unmöglichkeit des Vierhändigen Spiels gehört auch jetzt noch zu den meistverkauften Romanen der Ronsdorfer Bücherstube; es gibt halt noch immer Menschen, die erst spät von diesem Ausnahme-Roman erfahren.
Dieses Jahr leuchtet ein zusätzlicher Stern am Himmel der Sprache; wieder ist es ein Newcomer-Werk, das ich Ihnen begeistert ans Herz legen will.
Hätte mir kürzlich jemand prophezeit, dass ich einmal einen Heimatroman lesen würde, der am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in der Abgeschiedenheit eines einsamen Alpendorfes spielt, ich hätte ihn ungläubig angeschaut und den Kopf geschüttelt. Da aber kannte ich den Münchner Autor Thomas Willmann noch nicht und ahnte noch nichts von seiner unglaublichen Sprachgewalt. Willmann bekennt sich in Interviews freimütig zu seiner Vorliebe für Western-Filme, und davon hat sein ungemein spannender Roman Das finstere Tal auch zumindest atmosphärisch eine Menge abbekommen.

Zunächst heißt er nur „der Fremde“. Wir sehen Greider auf einem Maultier in die Berge reiten. Bis Mittag will er sein Ziel erreichen, ein Dorf im Hochtal, von dem kaum jemand weiß. Man stellt sich eine Großleinwand vor: Wie ein Westernheld schreitet Greider durch einen schmalen Felsenkessel ein, gehüllt in einen hellen Staubmantel, dazu ein Paar ausgetretene Lederstiefel. Was für ein Beginn! Bereits ab der ersten Seite entwickelt Willmanns Roman Sog! Einerseits wächst der Drang, das Lesetempo zu erhöhen, weil man schneller in der Handlung voran kommen will, andererseits zügelt man es, um sich die immer wieder raffinierten und eleganten Formulierungen des Sprachartisten Willmann im Munde zergehen zu lassen wie eine Praline.
Selten hat meine eigene Fantasie so viel Nahrung bekommen wie bei Das finstere Tal! Greider kommt also im Hochtal-Dorf an und quartiert sich, beargwöhnt von den misstrauischen Bewohnern, im Haus einer Witwe mit Tochter ein. Greider ist Kunst-Maler, der Häuser und Natur, später auch Menschen auf die Leinwand bannt. Der Leser ahnt jedoch schon jetzt, dass dies nicht das einzige Ziel Greiders ist. Mit den Augen des scheinbar naiven, vorgeblich unkundigen Fremden lernt der Leser die strengen Gesetze der Dorfgemeinschaft kennen, in der vor allem die Brenner-Familie eine herausragende Machtstellung einnimmt. Wenige Tage nach Greiders Ankunft wird das dörfliche Leben erschüttert. Der jüngste Brenner-Sohn, ein eigentlich ausgesprochen versierter Baumfäller, kommt auf brutale Weise zu Tode: er donnert mit gefällten Stämmen ins Tal. Unglück? Mord?
Es kommt nun ein wenig „Schlafes Bruder“ - Atmosphäre auf, aber Thomas Willmann kann mehr! Sein „finsteres Tal“ spielt zwar mit solchen Assoziationen elegant, manchmal sogar augenzwinkernd. Greider weiß unbestreitbar mehr, er weiß Dinge, die nun auch der Leser wissen möchte! Dazu nötig ist ein Zeiten- und Ortswechsel: Willmann erzählt zwischendurch urplötzlich und wie unvermittelt von Greiders Kindheit, erwähnt dessen Mutter, die nach schwerer Jugend ihr Glück in den USA findet. Mehr möchte ich nicht verraten!
Ein virtuoses Stück Literatur, dieses „Das finstere Tal“!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann