Keller fehlt ein Wort

Monatstipp März 2011

Patrick Tschan: Keller fehlt ein Wort

Verlag: Braumüller Literaturverlag
rezensiert von Christian Oelemann

Der kleine, in Deutschland noch fast unbekannte Verlag Braumüller schenkt uns ein wahres Kleinod, nämlich den Erstlingsroman des Schweizer Autors Patrick Tschan, Keller fehlt ein Wort.
Was für ein Lesevergnügen, liebe Freunde der Buchkultur!

Protagonist dieser bewegenden Geschichte ist der sechsundvierzigjährige Ralph Keller, wie der Autor von Beruf Kommunikationsberater und von daher ungemein angewiesen auf die Sprache.
Um Sprache geht es in diesem köstlichen Roman, genau genommen um deren partiellen Verlust nach einem Hirnschlag. Zunächst sind es zwei Wörter, die Keller plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen, Tasse und Engländer. Nach einem weiteren „Schlägli“, der ihn während des Besuchs einer Buchhandlung ereilt, werden es jedoch mehr. Keller entgleitet sukzessive die Welt der Wörter, was jedoch nicht bedeutet, dass er sie nicht mehr versteht; vielmehr kann er Begrifflichkeiten nicht mehr mit den sie kennzeichnenden Termini versehen.
Einige Blutbahnen der linken Gehirnhälfte sind so stark beschädigt, dass das bereits angeschlagene Sprachzentrum fast vollständig zerstört ist. Im medizinischen Fachjargon nennt man dies Aphasie: Das bedeutet Sprachverlust. Es beginnt mit einzelnen Wörtern, die fehlen, nicht mehr ausgesprochen werden können, und kann wie in Kellers Fall mit dem Verlust des Schreib- und Lesevermögens enden. Keller kann nur noch einzelne Laute würgen. Obwohl er geistig voll auf der Höhe ist, kann er nicht einmal mehr eine 160-Zeichen-SMS formulieren.

Medikamente dagegen gibt es nicht. Therapieansätze sind nur ein Versuch, können auch mehr gar nicht sein. Was Keller bleibt, ist, alles neu zu erlernen. Mit einer Sprachtrainerin versucht Keller wieder sprechen zu lernen. Aber in der Zwischenzeit sieht sich Keller mit seiner stummen Identität konfrontiert: Frust, Wut und Verzweiflung sind die Folge. Seine Tage verbringt er in Einsamkeit, seinen Job kann er nicht mehr ausüben.
Als schließlich Kellers zwölfjähriger Sohn, der bei seiner Mutter lebt, wieder in Kellers Leben tritt, wird alles noch schwieriger. Mit Christian hat Keller seit zehn Jahren kein Wort gewechselt. Und wie soll ihm das bitte gerade jetzt gelingen?

Zum Glück ist Keller ein von Natur aus humorvoller Mensch und kann seinem Schicksal auch Komik abgewinnen, deren Zeuge wir Leser im Verlauf der knapp 300 Seiten immer wieder werden, ebenso wie einer zarten Liebesgeschichte.
Solch ein Buch bekommt man nicht oft in die Hände! Patrick Tschans Trumpf in diesem Roman ist sein Protagonist, dem man regelrecht zurufen möchte, was ihm entfallen ist. Und für dieses literarische Kunststück sollte man "Bravo" rufen, besser noch „Bravissimo“. Solange wir es noch können!


"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann