Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Monatstipp Juni 2017

Susann Pasztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
rezensiert von ********

Gleich vorneweg ein Hinweis:
dieser wunderschöne und fein gestaltete Roman berührt ein Tabu-Thema: Sterben und Tod.
Gerade deshalb ist es so ein außergewöhnlicher und kostbarer Roman!
Es ist kein bequemes, aber ein spannendes und liebevolles Buch voller Überraschungen.
Die Autorin Susann Pasztor ist u.a Sterbebegleiterin und sie weiß genau, wovon sie schreibt.
Ob diese Geschichte nun wahr ist oder an etwas ähnlich Erlebtes angelehnt: sie ist so oder so ein Präzedenzfall, der den bereichert, der ihn miterleben möchte.
Das Thema, das gerne aus dem Alltag ausgeschlossen wird, verliert hier an Schrecken
und gewinnt an Normalität und die Berührungsangst wird aufgeweicht.
Susann Pasztor ist lebensweise und klug. Sie ist mutig und sie hat ein gutes, großes Herz für alle und alles. Ihre Offenheit ist wohltuend und erleichternd.
Außerdem hat sie Humor, was eindeutig ein Kennzeichen von Weisheit ist.
Und dementsprechend liest sich das Buch auch nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen.
Es ist ein Buch, in dem das Leben bejaht wird bis zum letzten Augenblick.

Damit ist Beginn und Ende der Geschichte schon angedeutet.
Karla, 60 Jahre alt, ist krebskrank und sie weiß nach abgebrochener Chemotherapie, daß ihr nicht mehr viel Zeit zu leben bleibt. Sie wünscht sich eine Sterbebegleitung.
Fred (um die 40), ist ein unsicherer und ein wenig farbloser Typ, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Er hat gerade eine Ausbildung zum Sterbebegleiter absolviert und ist bisher noch unerfahren. Nun trifft er also auf Karla, eine starke, eigensinnige Frau, die ihn zunächst einschüchtert, ebenso wie seine neue Aufgabe.
Ein gemeinsamer Weg mit Höhen und Tiefen beginnt und umfaßt die ganze Bandbreite an Emotionen, die einer solchen Situation innewohnen.
Wir erleben nicht nur, wie Karla und Fred aufeinander zuwachsen und eine gemeinsame Sprache finden, sondern auch, wie Freds 13 jähriger Sohn Phil eine wunderbare und helfende Rolle einnimmt in diesem Prozeß. Auch andere Personen zeigen uns ihre kostbaren Seiten und ihr Wohlwollen und ihre Liebe, auch wenn sie manchmal unbeholfen und polternd daherkommt.
Manche Situationen sind so grotesk, daß man lachen muß und andere wieder so berührend, daß einem die Tränen kommen.
Es wird nicht gejammert; bestenfalls geflucht und das ist befreiend.
Nichts wird übertrieben oder gar sentimental dargestellt.
Und gerade das läßt soviel Raum für das eigene Empfinden, das in Bezug auf das Gegenüber ja ohnehin immer nur eine Projektion sein kann.
Doch dem Versuch des Sich-Einfühlens wird hier sehr einfühlsam und gekonnt der Weg bereitet.
Susann Pasztor gelingt das so hervorragend. Sie ist Expertin, Mediatorin und phantasievolle Sprachkünstlerin.
Mal steht die eine, mal die andere Person im Mittelpunkt eines Kapitels – eine geschickte Perspektive, in der die Befindlichkeit des jeweils Betroffenen in den Vordergrund rückt.
Alle Personen werden wertungsfrei beschrieben und ich habe jeden lieb gewonnen inklusive seiner Entwicklung im Verlauf dieses existenziellen Prozesses.
Wie schwer ist doch dieser Balance-Akt zwischen Mitgefühl und Ego zu vollziehen: in wessen Sinn bin ich unterwegs?
Karla ermutigt ihre Begleiter und beschließt ihr Leben selbstbestimmt und in Frieden.
Und als es soweit ist, steht einer auf und öffnet das Fenster, damit die Seele hinausziehen kann in die neue Welt.

Ich bewundere Susann Pasztor für diese große Leistung eines so leicht und lebendig und authentisch
erschaffenen Romans um ein so schwieriges Thema.
Und ich danke ihr dafür, daß sie viele Fragen provoziert und offen gelassen und eine ganz neue, belastungsfreie Beziehung zum Thema Sterben und Tod ermöglicht hat!
Dieses Buch ist ganz eindeutig ein GEWINN!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann