Neringa oder die andere Art der Heimkehr

Monatstipp März 2016

Stefan Moster: Neringa oder die andere Art der Heimkehr

Verlag: mare
rezensiert von Christian Oelemann

Eine Kinofilmszene, die den Mont-Saint -Michel zeigt, erinnert den namenlosen, eben 50 gewordenen und in London lebenden deutschen Protagonisten aus Stefan Mosters »Neringa« an eine längst vergessen geglaubte Postkarte von seinem Großvater Jakob Flieder, die dieser einst als Besatzer aus der Normandie geschickt hatte. Als einfacher Pflasterer schuf Flieder ein die Jahrzehnte überdauerndes Pflasterwerk, mit dem er seine Familie ernähren konnte. Jakobs Enkel mangelt es zwar auch nicht an beruflichem Erfolg, doch hegt er heftige Zweifel an seinem eigenen Lebensentwurf. Gemessen am Werk des Großvaters, der der Nachwelt immerhin etwas Sichtbares hinterlassen hatte, etwas, an das man sich noch heute erinnern konnte, kommt ihm das eigene Leben bedeutungsarm vor, lächerlich geradezu. Wie zuverlässig sind eigentlich die Geschichten, die man sich über sich selbst erzählt? Und wie zufällig die Quellen und Überlieferungen, derer man sich dafür bedient? Während seiner biografischen Sinnsuche lernt der Protagonist eine jungen Litauerin kennen und lieben, die ihn lehrt, was das Glück eigentlich ist.

Mit seinem bereits vierten Roman (auch die drei ersten waren bei uns Monatstipp!) beweist Stefan Moster einmal mehr, was für
ein begnadeter Schriftsteller er ist. Das Buch steckt voller Sprachschönheiten, die man sich abschreiben möchte - diese etwa. „Nun spürte ich auf einmal die
Erschöpfung unter der Unermüdlichkeit. Als wäre ich bei Ebbe eingeschlafen und
beim Höchststand der Flut wieder aufgewacht: Der Grund, auf dem ich vorhin noch gegangen war, war nun von Müdigkeit überschwemmt.“ Auf 280 Seiten entwirft Moster virtuos ein Erzähl–Mosaik von bewegter Familiengeschichte, von Überliefertem und längst Entzaubertem, von Leid, das durch Erzähltwerden Heilung erfährt. Des Protagonisten Erinnerungen sind schonungslos, immerzu aber respektvoll. Was geschah tatsächlich auf und mit dem Straßenpflaster, dem Zeitzeugen einer durch und durch berührenden Geschichte: »Im Hintergrund markiert der Scherenschnitt der Festlandlinie die Ausmaße der Bucht, und da erst kam mir das Wort ‚Atlantikwall‘ in den Sinn, gefolgt von einer irritierenden Erkenntnis: Nie hatte ich an Jakob als Besatzer gedacht.«
»Neringa« ist von so erhabener Schönheit und Herzenswärme, dass mir schlicht die Worte fehlen. Alles hat seinen Platz, Über- oder Untertreibungen sind Stefan Moster fremd. Ein genialer Schriftsteller!
Ich bin glücklich, dass Ronsdorf Stefan Moster noch einmal in der Bücherstube begrüßen können wird, wenn er uns am 04.06.um 19 Uhr die Ehre erweist.
Diese Buchbesprechung sei beendet mit drei Zitaten: »Wahrscheinlich fürchtete sie das Gift der Üblichkeit, das alles verderben konnte, auch das gut Gemeinte.«
»Ich lachte nur der Form halber ein bisschen mit, um keine Missstimmung
aufkommen zu lassen; in Wahrheit stießen mich Insider-Jokes ab, weil sie nur dem
Korpsgeist dienten und ein geschlossenes System bestätigten.«
»Der Widerhall eines Vogelpfiffs erinnerte an die Abwesenheit sonstiger Laute.«

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann