Eine Reise später

Monatstipp Oktober 2015

Tschan, Patrick: Eine Reise später

Verlag: Braumüller
rezensiert von Christian Oelemann

Schmied – er hat keinen Vornamen, so wie Astrid, die zweite Protagonistin in Patrick Tschans neuem Roman « Eine Reise später» keinen Nachnamen bekommen hat – Schmied kehrt von einer Fahrt nach Zürich zurück und stutzt, als er am Bahnhof die Lautsprecheransagen vernimmt. Tatsächlich, kein Zweifel, es war Astrids Stimme. Astrids, mit der er sechs Jahre seines Lebens zusammen gewesen war: von 17 bis 23. Zum letzten Mal getroffen hatte er sie anlässlich der Beerdigung seines besten Freundes Max, zu dem Astrid nach ihrer letzten Beziehung mit Schmied gewechselt hatte, damals der heftigste Schlag, den sie Schmied hatte versetzen können. Zu Ende gegangen war seine Zeit mit Astrid während einer Frankreichreise, und was damals genau passiert war, warum diese Beziehung zum vierten Mal in die Brüche ging, ist ihm miteins gar nicht mehr klar.
Nun, da er unverhofft Astrids Stimme wiederhörte, beginnt seine Reise in die eigene Vergangenheit, und weil es wichtig ist, dass Romanfiguren auch einmal Glück haben können, findet er Astrid, nachdem er bei der Bahndirektion Nachforschungen angestellt hat, ebenso ungebunden und ledig wie er selbst vor. Eine unerhörte Idee entsteht: die letzte Reise noch einmal antreten, zusammen mit Astrid; sich darüber klar werden, was eigentlich damals passiert war, wie er eigentlich zu dem Anfangfünfziger werden konnte, der er jetzt war.
Derselbe? War er im Grunde derselbe geblieben? Wie bewertet man die eigene Entwicklung? Diese Frage beschäftigt selbstredend auch Astrid. Ich sage Glück, denn Astrid ist nicht nur frei und ledig sondern auch willens, gemeinsam mit Schmied die damalige Reise erneut anzutreten: Paris-Dieppe-St. Malo, Avignon, Dijon und natürlich Veules les Roses am Atlantik. Die Erinnerungen an diese geschichtsträchtigen Orte, die stark mit dem Ende der deutschen Naziherrschaft verknüpft sind, könnten kaum unterschiedlicher bei Schmied und Astrid ausfallen, waren sie doch vor 30 Jahren zwar vielleicht schon dieselben Persönlichkeiten, die sie nun waren, doch trat ihre Unterschiedlichkeit vehementer zutage damals, gebrannte Kinder, die sie- jeder für sich – waren.
Wie man zur Souveränität gelangt, die eigene Geschichte im Spiegel der Erinnerungen zu bewerten, davon handelt «Eine Reise später», ein schlanker und vor allen Dingen eleganter Roman, lebensklug und verschmitzt,den uns der Verlag Braumüller zugänglich gemacht hat und der ein weiteres Mal beweist, was für ein bedeutender Erzähler Patrick Tschan ist. «Keller fehlt ein Wort» und «Polarrot» sprachen bereits Bände davon! Nun also der neue Meisterstreich Tschans.
Treten Sie die Reise mit ihm an!



Braumüller Verlag, ISBN 9783992001415, Euro 21.90

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann