Auerhaus

Monatstipp August 2015

Bjerg, Bov: Auerhaus

Verlag: Blumenbar
rezensiert von Christian Oelemann

Der Kabarrettist Bov Bjerg heißt mit bürgerlichem Namen Rolf Böttcher. 1996 gewann der studierte Literaturwissenschaftler gemeinsam mit Horst Evers den Theodor W. Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb der Zeitschrift Titanic . das sagt schon sehr viel.

Das Adjektiv »liebenswert« hat eine neue Bedeutung bekommen, jedenfalls, wenn man es im Zusammenhang mit Literatur verwendet. Auerhaus, so heißt das Haus in der Mitte der Dorfstraße, das Frieders Großeltern gehörte und in dem es nach Gülle und alten Leutchen riecht. Seit dem Tod des Großvaters steht es leer, und Frieder zieht mit Höppner (der Ich-Erzähler verrät seinen Vornamen Matthias nicht), Cäcilia und Vera dort ein. Eine WG mitten im gut bürgerlichen Dorf – also eine Unerhörtheit schlechterdings Das Auerhaus heißt Auerhaus, weil die Vier am Abend des Einzugs in brüllender Lautstärke den bekannten Pop-Song der Gruppe Madness hören: »Our house«,
Auf Frieder muss man aufpassen, denn er hat einen Suizidversuch hinter sich, justament an dem Morgen, an dem seine Klasse in Deutsch den Werther bespricht (Sturm und Drang – könnte ein sauguter Name für eine christliche Punkband sein, findet Höppner.)
Es ist beeindruckend, wie gefühls- und verantwortungsvoll die vier Jugendlichen mit einander umgehen, als wären sie diplomierte Wohngemeinschaftler.
Höppners Mutter, die im Supermarkt arbeitet, versorgt das Auerhaus immer wieder mit abgelaufenen Joghurts und Gemüse; der Dorfsheriff Bogatzki beäugt das Geschehen mit misstrauischer Sympathie.
Es bleibt im Auerhaus nicht bei den vier Auerhäuslern, sukzessive finden sich weitere Einzügler ein, beispielsweise die sexy Brandstifterin Pauline, die mit Frieder in der Klapse war, und der schwule Strichbube Harry. Die Auerhaus-Küche wird zum frequentierten Zentrum einer illustren Lebensgemeinschaft.
Zur bereits im Vorfeld legendären Silvesterparty findet sich die komplette Oberstufe des Gymnasiums ein, außerdem die Insassen der nahen Nervenheilanstalt sowie "alle Schwulen zwischen München und Paris"; man philosophiert bis zum Abwinken, entdeckt das Erwachsensein beim Schlittenfahren, bei Federball, Drogenexperimenten und erstem Sex.
Im Grunde fast zu schön, um wahr zu sein, möchte man meinen, doch wird bereits auf den beiden ersten Seiten angedeutet und bewahrheitet sich am End, dass Frieder nicht überlebt, dass Höppners urkomische Erzählung ein Requiem ist, ein Requiem auf einen Freund, den wir bestimmt alle einmal hatten.

Streckenweise fühlte ich mich bei der Lektüre an Wolfgang Herrndorfs »Tschick« erinnert, das ja. Aber »Auerhaus« berührt mich noch wesentlich mehr, ich halte diesen Roman für einen Glücksfall, dem ich zutiefst Dankbarkeit zolle, ganz in »the middle of the street«.

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann