Der leuchtend blaue Faden

Monatstipp Mai 2015

Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden

Verlag: Kein & Aber
rezensiert von Christian Oelemann

Es gibt etwas zu feiern! Anne Tyler, die großartige, hat wieder einmal hingelangt und uns einen wunderbaren Familienroman geschenkt, der den Titel Der leuchtend blaue Faden trägt. Er erzählt das Leben der Witshanks, einer ganz normalen amerikanischen Familie, doch was heißt schon normal? Normal ist nichts und niemand, so lang man mit jedem einzelnen Witshank fiebert, seine Sorgen und Ängste teilt, sich mit ihm freut oder über ihn lacht. Normal? Nein, glücklich! Die Whitshanks halten sich für eine besonders glückliche Familie. Abgesehen von einigen Eifersüchteleien unter den vier Geschwistern, haben sie wohl recht damit. Abby und Red Witshank haben allerdings ein Sorgenkind, und das ist Denny.
Denny meldet sich nur selten, und wenn, dann mit Katastrophen, wie sie im Buche stehen. Amanda sagt einmal zu ihrem Bruder: "Du hast jeden einzelnen Tropfen Aufmerksamkeit unserer Eltern beansprucht und für uns nichts übrig gelassen." Ganz normal. Warum Denny wütend auf seine Eltern ist, erfährt man erst spät.
Der leuchtend blaue Faden besteht aus vier Teilen. Der erste erzählt vom Leben der Witshanks bis zum Tod von Großmutter Abby. Danach erst erfahren wir, wie sich Abby und Red einst ineinander verliebten.
Im dritten Teil lernen wir Junior, Reds Vater, kennen, der als junger Mann ein Mädchen verführte, als es erst 13 war. Linnies Vater verjagte Junior mit der Schrotflinte.
Fünf Jahre später steht Linnie vor Juniors Tür. Sie ist seinetwegen fünf Jahre durch die Hölle gegangen. Zu Hause sprach niemand mehr mit ihr. Junior konnte sie nicht fortschicken und gewöhnte sich an ihre Liebe und Bewunderung. "Sie wäre bestens ohne ihn zurechtgekommen! Sie würde überall bestens zurechtkommen. Sie hatte alles drangesetzt, sich ihn zu angeln, und es war ihr ohne große Anstrengung gelungen. Fünf Jahre der öffentlichen Verachtung hatte sie allein durchgestanden – das war nun vorbei. Junior sah, „wie sie sein Leben umstülpte wie einen Pullover, den sie gewaschen hatte und in Form zog."
Etwa in der Mitte des Buches gibt es einen überraschenden Todesfall. Eigentlich könnte das schon das Ende des Romans sein. Eine Anne Tyler jedoch macht etwas sehr Mutiges und Außergewöhnliches: Ab hier geht sie in der Familiengeschichte zurück bis in die 20er Jahre, ab hier erst erzählt sie, wie die Whitshanks wurden, was sie sind, oft brüllend komisch und mit reichlich Lebenserfahrung. Anne Tyler erzählt, wie sich eine Familie sozusagen erfindet über die Generationen: Mit all den schönen Mythen und Anekdoten aber eben auch Lebenslügen und großen Geheimnissen. Das können nur sehr wenige. John Irving vielleicht und Joyce Carol Oates.
Im vierten Teil dieses wunderbaren Romans geht es wieder um Denny. Denny, der als Kronprinz der Familie seinerzeit fassungslos war, als seine Mutter ein Waisenkind, Stem, in die Familie aufnahm und behandelte wie ihre eigenen Kinder. Dieser Denny repariert nach dem Tod seiner Mutter das leuchtend blaue, afrikanische Hemd seines Vaters, dass dieser zur Hochzeit getragen hatte und das nun er zur Trauerfeier anziehen möchte. Als er den Schrank seiner Mutter öffnet, rollt ihm eine leuchtend blaue Garnrolle entgegen. Genau die richtige Farbe! Er ist sich sicher, dass dies ein Liebesbeweis ist; ein Zeichen dafür, wie sie immer, auch für ihn, gesorgt hat.

So voller Liebe steckt dieser Roman, dass Sie sich genau überlegen müssen, wem sie ihn schenken. Denn eines ist sicher: Sie wecken Erwartungen!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann