Sehr geehrter Herr M.

Monatstipp April 2015

Koch, Herman: Sehr geehrter Herr M.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
rezensiert von Christian Oelemann

Der einst gefeierte Autor M. (vermutlich Harry Mulisch) bekommt Post von einem seiner Leser. Darin herrscht ein drohender Ton, offenbar läuft es auf eine Erpressung hinaus. Der Absender habe wichtige Informationen für ihn. M. feierte seinen größten Erfolg vor etwa vierzig Jahren mit einem Roman, der auf einem wahren Fall beruhte und in den Niederlanden Schlagzeilen machte. Ein Lehrer war spurlos verschwunden, der nachgewiesener Maßen eine kurze Affäre mit einer Schülerin hatte und zum letzten Mal lebend gesehen wurde, als er die Gymnasiastin und ihren neuen Freund in einem südholländischen Ferienhaus aufsuchte. Die literarische Umsetzung dieses Kriminalfalls machte M. seinerzeit zum Literaturstar, doch mittlerweile ist sein Stern verblasst. Geradezu brennend jedoch interessiert sich plötzlich M.s geheimnisvoller Briefeschreiber für den damaligen Fall. Offenbar weiß er mehr, als M. recht sein kann.
Das neue Werk des niederländischen Schriftstellers Herman Koch, der bereits zweimal an dieser Stelle geehrt wurde, trägt den Titel "Sehr geehrter Herr M."; das Buch beginnt wie ein spannender Thriller, denn es geht immerhin um einen vor 40 Jahren tatsächlich verschwundenen Lehrer und zwei Schüler, die verdächtigt werden, ihn damals ermordet zu haben. Schnell aber stellt sich heraus, dass es dem sprachgewitzten Koch um viel mehr als Suspense zu tun ist; da zieht ein sprachgewaltiger Beobachter kräftig vom Leder und schaut ungeniert unter die Röcke der (niederländischen) Literaturszene, spottet über den Buhei, den man um seine Kollegen Mulisch und Nooteboom, aber auch um sich selbst, macht, seziert jedoch in erster Linie das Bildungssystem, das Schulmillieu also, das in diesem Fall zwar das niederländische ist, jedoch verblüffende Ähnlichkeiten mit Erscheinungen an deutschen Gymnasien und Hochschulen aufweist. Ein wahrer Spötter ist er, der Herr Koch, und ich kann ihn nur beneiden ob seines Scharfsinns.
Obwohl die ganze Zeit die Frage im Raume steht, was mit Lehrer Landzaat vor vier Jahrzehnten denn nun wirklich passiert ist, wechselt Koch geschickt, ja geradezu virtuos, die Erzählstränge, ohne dadurch allerdings Unruhe aufkommen zu lassen.
Das Wesentliche in „Sehr geehrter Herr M.“ ist nicht die Handlung sondern seine schriftstellerische Form.

Herman Kochs neuer und brillanter Roman erzählt eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Story, taucht ein ins „Haifischbecken Schule“ , liest sich wie ein Krimi und ist zugleich ein hochintelligentes Traktat über das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion.
Glänzend!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann