Kindeswohl

Monatstipp Februar 2015

Ian McEwan: Kindeswohl

Verlag: Diogenes
rezensiert von Christian Oelemann

Könnte es sich Fiona Maye, Richterin am Londoner High Court, aussuchen, würde sie nicht gerade jetzt Entscheidungen von solcher Wichtigkeit treffen, denn derzeitig hat sie privat existentielle Probleme: ihre dreißigjährige Ehe geht eben den Bach hinunter. Doch es hilft nichts, sie muss wieder einmal Recht sprechen; diesmal ist es ein besonders schwieriger Fall: Adam Henry, ein jugendlicher Krebspatient, lehnt wie seine Eltern aus religiösen Gründen (sie sind Zeugen Jehovas) eine medizinisch unabdingbare Behandlung ab – eine Bluttransfusion nämlich.
Adams Zustand ist bereits sehr kritisch und für eine richterliche Entscheidung bleibt nicht viel Zeit.
Zunächst einmal muss geklärt werden, ob es sich um einen Fall von Kindeswohl handelt, denn Adam wird in drei Monaten volljährig. Deshalb unterbricht Fiona die laufende Sitzung und stattet dem schwerkranken Jungen in Begleitung einer Sozialarbeiterin einen Besuch im Krankenhaus ab, um sich einen eigenen Eindruck ob Adams „Gillick-Kompetenz“ zu verschaffen.
Fiona findet einen nachdenklichen, offensichtlich sehr intelligenten Jugendlichen vor, der sich gewählt ausdrückt und ihr sogar auf der Geige vorspielt. Sie ist stark beeindruckt von diesem Adam Henry.
Zurück bei Gericht entscheidet sie, dass die Ärzte am todkranken Patienten die lebensrettende Bluttransfusion vornehmen dürfen, wohl gemerkt gegen den Willen der Henrys. Sie beruft sich auf den so genannten „children act“ aus dem Jahr 1989, Kindeswohl sei allen anderen Entscheidungen der Vorrang einzuräumen, also auch Adams Beinahevolljährigkeit.

Monate später erhält Fiona einen Brief Adams, in dem er sie wissen lässt, dass er sich gut erholt habe und bereits wieder die Schule besuche. Sie antwortet darauf nicht.

Bei einem schwierigen Mordprozess in New Castle lauert Adam ihr auf und stellt sie geradezu, fordert ein Gespräch mit ihr. Er hat sich mittlerweile mit seinem Vater überworfen und sich von den Zeugen Jehovas getrennt. Er bittet sie darum, bei ihr wohnen zu dürfen.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. McEwans Sprache in diesem mich aufwühlenden Roman wirkt streckenweise unterkühlt – und das passt hervorragend zum in Anbetracht der Bedeutungsschwere überraschend schlanken Roman, den schlichtere Erzähler leicht zu einem 400-Seiten-Buch aufgeblasen hätten. Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen.

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann