Spiel der Zeit

Monatstipp Dezember 2014

Ulla Hahn: Spiel der Zeit

Verlag: DVA
rezensiert von Christian Oelemann

SPIEL DER ZEIT heißt der letzte Monatstipp des Jahres 2014, und an dieser Stelle einen Übergang zum vorletzten, Michael Zellers BruderTod, zu schaffen, ist geradezu naheliegend, nicht nur inhaltlich sondern auch formal. Michael Zeller und Ulla Hahn erzählen deutsche Nachkriegsgeschichte, jeder in seiner von der des anderen recht verschiedenen Sprache; sie beide verbindet die Begeisterung für den Barockdichter Andreas Gryphius, dessen Gedicht SPIEL DER ZEIT Ulla Hahns neuem Roman nicht nur als Motto dient sondern durch ein Zitat namentliche Bedeutung verleiht. Dieses Gedicht hält ihrer Erzählung den Spiegel vor, oder ist es umgekehrt, spiegelt Hahns Buch des Dichters Sonett?

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!

Hildegard (Hilla) Palm, Ulla Hahns literarisches alter ego, begegnet diesem Gedicht erstmalig als frischgebackene Germanistikstudentin; Vortrag und Interpretation ihres Professors verzaubern sie gleichermaßen. Wie kann es sein, dass jemand, der solche Worte nicht nur versteht sondern ganz offensichtlich verinnerlicht hat, etwas mehr als zwanzig Jahre zuvor noch Hitlers Machtergreifung begrüßte? Mit dieser Frage im Blick erzählt Ulla Hahn den fließenden Übergang deutscher Nachkriegsgeschichte von Adenauer bis Dutschke. Herausgekommen ist dabei auf knapp sechshundert Seiten ein kluger, oft sogar sprachgewaltiger Roman, einleuchtend für die, die diese Zeit miterlebt haben und aufrüttelnd für später Geborene. Danke, Ulla Hahn!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann