Kastelau

Monatstipp Oktober 2014

Charles Lewinsky: Kastelau

Verlag: Nagel & Kimche
rezensiert von Christian Oelemann

Charles Lewinskys Bücher haben fast alle das Zeug zu einem Tipp des Monats der Ronsdorfer Bücherstube. Schon vier Titel des großartigen Schweizer Schriftstellers wurden von uns dergestalt ausgezeichnet, zuletzt Gerron, der fulminante Roman über einen großen jüdischen Filmschauspieler und - regisseur, der von den Nationalsozialisten umgebracht wurde. Von Lewinskys hervorragenden Kenntnissen über das deutsche Filmwesen profitiert auch sein neuer, ungemein intelligenter Roman Kastelau , den der Verlag Nagel & Kimche nun glücklicherweise herausgegeben hat. Wer auch nur etwas Interesse für die Themen Filmgeschichte bzw. Nationalsozialismus aufbringt, wird auch hier garantiert auf seine Kosten kommen. Die Handlung spielt im Winter 1944 und basiert auf einer wahren Begebenheit:. Die bayerischen Alpen sind noch weitestgehend eine vom Krieg verschonte Gegend. Sich dorthin abzusetzen - ein Filmteam der UFA setzt alles daran. Unter einem grotesken Vorwand beschafft man sich den Auftrag für den vermeintlich kriegswichtigen Film "Lied der Freiheit". Im vom Schnee eingeschlossenen Bergdorf Kastelau wird das Drehen einer erfundenen Geschichte sukzessive zur Story eines Drehs. Entscheidend dabei ist, dass die Filmerei überzeugend wirkt und die Verantwortlichen in Berlin nicht misstrauisch macht. Aus immer aberwitzigen Lügen und Ausflüchten entspinnt sich ein Netz aus Intrigen, so dass bald niemand mehr zwischen Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß.
Dabei geht es wesentlich um Walter Arnold, der sich vom Nazi- zum Hollywoodstar Arnie Walton verwandelt; aber auch um Samuel A. Saunders, der als Doktorand Arnie Waltons Vorgeschichte aufdeckt und dabei die Spur eines mutmasslich von Walton verübten Mordes gerät.
Lewinsky präsentiert seine Handlung in Bruchstücken, und wie es ihm gelingt, diese zu einem Ganzen zu verbinden, zeugt von enormer Kunstfertigkeit. In der Babelsberger Illusionsfabrik wurde bis in die letzten Tage der Naziherrschaft an Durchhaltefilmen gearbeitet. Lewinskys erzählt von einer kleinen in die bayrischen Berge geflohenen Filmequipe und zeichnet damit das Bild eines astreinen Opportunismus. Wie sich hasenfüßige Nazi-Mitläufer peu à peu in treuherzige Regimegegner verwandeln, das hat schon Klasse! Doch es geht um mehr und anderes. Denn Kastelau handelt im Wesentlichen von der Illusionsmaschine in unseren Köpfen. Die Wahrheit entsteht erst bei der Lektüre, sie steht nicht etwa im Buch. War Walter Arnold ein Schuft und dazu ein Nazi? Hat er gemordet? Wenn ja, weshalb? Kastelau liefert sowohl den Stoff als auch die Indizien. Die Wahrheit muss der Leser schon selber herausfinden. Zitat Saunders: "Man kann – auch das gehört zum Kino – alles in das Gesicht eines Menschen hineinlesen. Der Zuschauer sieht, was er zu sehen erwartet." Nein, so einfach ist das nun doch nicht! Wir Leser finden in diesem großartigen Roman nicht nur das Erwartete. Lewinsky ist ein schlauer Fuchs; er sagt nicht, der Leser bastle sich aus den Fragmenten dieser Geschichte seine eigene Weltsicht. Vielmehr zwingt uns dazu, zum Stoff und zu den durchaus mehrdeutigen Begebenheiten Stellung zu beziehen. Nicht, ob Arnie Walton alias Walter Arnold nun ein Mörder oder schlicht ein Lump war, ist wichtig; ebenso wenig Saunders Bemühen, Waltons Unbescholtenheit in Zweifel zu ziehen, sondern der Blick unter die Röcke der Literatur. Charles Lewinsky erlaubt ihn uns und lässt uns staunend beobachten, wie ein großer Film im Kopf entsteht, dessen Regisseur nicht Truffaut oder Bunuel heißt sondern Lewinsky.
Aber Vorsicht: Kastelau ist keine einfache Lesekost! Wer das Konventionelle vorzieht, dem sei an dieser Stelle abzuraten. Aber die Bestsellerlisten wissen in diesem Fall stets Rat!Chapeau, Charles Lewinsky!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann