Der Grund

Monatstipp August 2014

Anne von Canal: Der Grund

Verlag: Mare
rezensiert von Christian Oelemann

Es geschieht (leider) selten, dass ich einen Roman innerhalb eines Monats zweimal lese, denn dazu fehlt mir schlichtweg freie Zeit. Anne von Canals „Der Grund“ las ich, kaum war ich beim letzen Satz angekommen, wieder von vorn, denn mir war klar, dass es sich um den neuen Monatstipp handelte, und ich wollte hinter das Geheimnis kommen, dass die Schriftstellerin zu einer dergestalt überwältigenden Komposition befähigt hat. Erschienen ist „Der Grund“ übrigens im von mir ausgesprochen geschätzten Mare Verlag, der den großen Stefan Moster hervorgebracht hat.Auch bei Anne von Canal geht es um einen Bordpianisten auf einem Kreuzfahrtschiff, doch erschöpft sich damit jeder weitere Vergleich mit Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels;über jeweils gut achtzig Seiten erstrecken sich zwei Szenen, die Victor Alexander Laurentius Simonsens behütete und gutbürgerliche Kindheit und Jugend durch abschweifende Erinnerungen beleuchten: Da ist erstens sein Vorspiel bei der Aufnahmeprüfung der Stockholmer Musikhochschule. Unglaublich, auf welche Weise Anne von Canal den Leser quasi hören lässt, wie Laurits Schubert, Chopin und Haydn interpretiert, während seine Gedanken abschweifen und ihm Pelle, der früh ausgewanderte Freund, einfällt wie auch Fräulein Andersson, die strenge Klavierlehrerin, selbstverständlich seine schwache, dem Alkohol immer mehr verfallende Mutter und zwangsläufig „Gottvater“ Magnus, der berühmte Augenarzt, der von den musikalischen Ambitionen seines Sohnes wenig hält.Zweitens sind da die Feierlichkeiten anlässlich der zehnjährigen Hochzeit mit Silja, bei der ausgerechnet sein geschätzter Patenonkel Jon eine Ansprache hält, die Laurits mit einem Schlag die Augen öffnen und ihn in ein schwarzes Loch stößt.Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? So lautet das unausgesprochene Motto dieses mich in jeder Weise beglückenden Buchs. Zu Beginn erfahren wir jedenfalls von einem Neuanfang in Form einer Flucht, denn Laurits tritt in Venedig seinen Dienst auf einem Kreuzfahrtschiff an und verlässt eine schwangere Freundin, weil ihm der Gedanke, dass andere das Drehbuch für sein Leben schreiben, zuwider ist. Sodann erfahren wir den Grund für Laurits Disposition; wir erfahren sehr viel über Musik und das schwedische Verhältnis zur estländischen Geschichte, über die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter, die Verachtung eines anderen Vaters für seinen Sohn, lesen kluge Gedanken zur Filmgeschichte und versinken in einer Welt, die Anne von Canal großartiger gar nicht hätte erschaffen können. Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich.Nein, ich habe beim zweiten Lesen das Geheimnis nicht lösen können, allerdings die verblüffende Erfahrung gewonnen, dass ich trotz Textkenntnis gefesselt war wie beim ersten Mal.
Heikko Deutschmann hat diesen wunderbaren Roman übrigens hervorragend als Hörbuch eingelesen. Ein Genuss!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann