Die Kindheit Jesu

Monatstipp Januar 2014

Coetzee, J.M.: Die Kindheit Jesu

Verlag: Fischer
rezensiert von Christian Oelemann

Zugegeben, der Titel des Romans, den ich Ihnen zum Jahresbeginn ans Herz legen möchte,
hätte mich vermutlich nicht gereizt, wenn nicht sein Verfasser der scharfsinnige und philosophische J.M. Coetzee wäre, der Nobelpreisträger des Jahres 2003. Von ihm ist immer hervorragende Literatur zu erwarten, und mit „Die Kindheit Jesu“ hat er womöglich sein Meisterstück abgeliefert.
Die Geschichte spielt in einem nicht genannten, spanisch sprechenden Land. Auch die richtigen Namen der beiden Helden erfährt man nicht; in Belstar, einer Art Auffanglager für Flüchtlinge, deren Fluchtgründe man ebenfalls nicht erfährt, werden den beiden Hauptpersonen unserer Geschichte die Namen Simón und Davíd gegeben, und in ihre Papieren werden die Lebensalter eingetragen, die man ihnen am Tag ihrer Ankunft zutraut, in unserem Fall 45 und 5. Bei der Überfahrt hatte der kleine Dabvid einen Brief dabei, der für seine gesuchte Mutter bestimmt gewesen war. Ohne diesen Brief steht der Kleine hilflos da, und Simón nimmt sich seiner an, will ihm helfen, die Mutter zu finden.
Da er zunächst als Tagelöhner arbeitet, sucht und findet er im Vorarbeiter Alvaro einen vertrauenswürdigen Aufpasser für David.
Wochenlang ernähren sich Simon und David nur von Brot und Wasser; zwar begegnet man ihm als Fremden im neuen Land durchaus freundlich, doch herrscht eine allgemeine Knappheit, durchaus an der Grenze zur Armut.
Eines Tages lernt Simon eine schöne Frau kennen, die er für die ideale „Mutter“ Davids hält. Ines heißt sie.
Er überredet sie dazu, David bei sich aufzunehmen, muss ihr jedoch dafür seine mit Mühe erhaltene kleine Wohnung sowie seinen ganzen Lohn abtreten. Besuchen darf er den Kleinen vorerst nicht; erst Alvaro gelingt es, Ines zu überzeugen, dass es falsch wäre, wenn der Kontakt zwischen David und Simón gänzlich abrisse.
Ihr Vertrauen, ja vielleicht sogar etwas Sympathie verschafft sich Simon bei Ines, als es ihm gelingt, ihre verstopfte Toilette zu reparieren.
Eine Tages erzählt ihm der kleine Davíd während eines Spaziergangs, dass Ines ihn sehr lieb habe und obendrein für so begabt und intelligent halte, dass sie ihn nicht zur Schule zu schicken gedenke. Er selbst findet Gefallen am Bild, dass seine Neumutter von ihm hat, ist schnell davon überzeugt, dass er alles bereits könne.
Es ist jedoch Landesbrauch, dass Kinder mit dem sechsten Lebensjahr schulpflichtig werden, und so stimmt Ines dann doch zu.

Einen Monat nach der Einschulung werden Ines und Simon zum Klassenlehrer zitiert, weil David entgegen dem Durchschnitt keinerlei Fortschritte beim Lernen mache. Obendrein störe er ständig und sei renitent gegenüber Anweisungen. Es wird ihm angedroht, dass er in ein Sonderlernzentrum eingeliefert werde, wenn dies ein Untersuchungsausschuss so anordne.
Noch vor der Anhörung beweist David Simón, dass er sehr wohl sowohl lesen als auch schreiben kann. Nichtsdestotrotz wird gerichtlich entschieden, dass David in die gefürchtete Erziehungsanstalt überführt werden solle.
So geschieht es, doch nach einigen Wochen gelingt David, aus der Anstalt auszubrechen.
Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Auch nicht, dass Cervantes’ Don Quichote eine zentrale Rolle einnimmt.
Das ganze Buch wimmelt nur so von Anspielungen; zum einen wäre da die Weihnachtsgeschichte mit Josef und Maria zu nennen, zum anderen Nabokovs Lolita. Aber auch Godot klopft mit spitzem Knöchel an, womit ich nichts anderes ausdrücken möchte, als dass ich Die Kindheit Jesu für ganz große Literatur halte, intelligent und vor allen Dingen zu jeder Zeit enorm unterhaltsam.

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann