Die Listensammlerin

Monatstipp November 2013

Gorelik, Lena: Die Listensammlerin

Verlag: Rowohlt
rezensiert von Christian Oelemann

Tipp des Monats : November 2013
Lena Gorelik
Die Listensammlerin




Ordnung sei das halbe Leben, behauptet ein altes Sprichwort. Sofia, die Protagonistin in Lena Goreliks wunderbarem, neuem Roman, hat es sich zu Herzen genommen, denn ihr halbes Leben besteht aus Listen, die sie anfertigt, um sich auf Spur zu halten. Sie sammelt Listen wie andere Bierdeckel oder Briefmarken, aber wohlgemerkt: selbst angefertigt müssen sie sein.
Die peinlichsten Kosenamen, die filmreifsten Situationen, die witzigsten Neurosen oder aber Dinge, die sie niemals sagen will, sammelt Sofia in Listen, an denen sie sich festhält, weil es sie sonst womöglich zerreißen würde.
Ja, ihre Nerven liegen blank, weil sie heillos überfordert ist. Ihre demente Großmutter, die früher jeden Tag einen Kuchen backte, ist soeben aus dem Pflegeheim ausgebüxt und Anna, Sofias kleine Tochter, muss sich einer dritten, vermutlich alles entscheidenden Herzoperation unterziehen.
Beim Ausmisten der großmütterlichen Wohnung macht Sofia eine umwerfende Endeckung: Listen nämlich, die den ihren verblüffend ähneln, was ihren Inhalt betrifft. Allerdings sind sie in Russisch verfasst.
Sofia erfährt bei ihren Nachforschungen von ihrer Familiengeschichte in der ehemaligen Sowjetunion und von einem bislang nie erwähnten Onkel Grischa, der längst gestorben ist. Wohl wusste Sofia, dass ihre Mutter vor vielen Jahren aus der Sowjetunion geflohen war; darüber hatte aber nicht geredet zu werden. Vehement weigert sie sich, über ihren Bruder Grischa, Sofias Onkel, zu sprechen. Dank ihrer Beharrlichkeit findet Sofia dennoch etwas heraus und notiert es in einer ihrer Listen: "Was ich über Onkel Grischa weiß“: Von Verrat und Verhaftung ist die Rede, von Arbeitslager und Verfolgung der ganzen Familie.
Aus diesem Grund also war Sofias Mutter mit ihr damals aus der Sowjetunion geflohen.
Lena Gorelik kann wunderbar humorvoll sogar von ernsten Begebenheiten erzählen, beispielsweise wie der Onkel in der Sowjetunion zum Dissidenten wurde, weil er als Künstler und Homosexueller ein selbstbestimmtes Leben führen wollte.
Die Listensammlerin ist kein autobiographischer Roman, auch wenn Lena Gorelik bis zu ihrem zwölften Lebensjahr Sowjetrussin gewesen war. Viel mehr geht es ihr darum, über die alltägliche Unterdrückung in Diktaturen (in diesem Fall die sowjetische) nachzudenken.
Sie erzählt so gekonnt gegen das Vergessen an, dass Nachgeborene, die sie Sowjetunion nicht mehr erlebt haben, ein Gefühl für die Geschichte entwickeln können. Das ganze geschieht bei Lena Gorelik allerdings nicht mit der düsteren Schwermut eines Uwe Tellkamp (Der Turm), sondern hat den Charme eines glänzend unterhaltenden Schelmenromans.

Ich muss gestehen, dass ich nach der Lektüre von Die Listensammlerin wochenlang für andere Bücher blockiert war, denn Goreliks Diktion macht süchtig. Vielmehr vertrieb ich mir die Zeit mit dem Erstellen von Listen. Eine davon heißt „Schriftsteller, die mir viel gegeben haben“. Welchen Namen man darauf unter einigen anderen findet, dürfte nicht allzu schwierig zu erraten sein.



Rowohlt Berlin, ISBN 978-3-87134-606-4


Lena Gorelik, 1981 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren, kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman »Meine weißen Nächte« (2004) wurde die damals dreiundzwanzigjährige Autorin als Entdeckung gefeiert, ihr zweites Buch, »Hochzeit in Jerusalem« (2007), war für den Deutschen Buchpreis nominiert.

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann