Warum wir Günter umbringen wollten

Monatstipp September 2013

Schulz, Hermann: Warum wir Günter umbringen wollten

Verlag: Aladin
rezensiert von Christian Oelemann

Donnerwetter, was für ein liebevoll ausgestattetes Buch Hermann Schulz bzw. sein Verlag Aladin da herausgebracht hat! Und was für eine Geschichte!
. Das ist sicherlich kein Kinderbuch; mir fällt als Gattungsbezeichnung sofort Novelle ein, denn erzählt wird von einer unerhörten Begebenheit aus dem Jahr 1947. Kein Kinderbuch, aber auch Zehnjährige können dieses Buch mit Gewinn lesen!
Zu Beginn wird zwar behauptet, wie man es hinlänglich kennt, dass Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig seien, doch darf man dies durchaus bezweifeln, wenn man sich ein wenig in Hermann Schulz’ Lebenslauf auskennt.
Ja, eine unerhörte Begebenheit, geht es doch um nichts anderes als einen vorsätzlich geplanten Mord! Mord an einem ostpreußischen Flüchtlingskind, das fünf wendlandischen Jungen beim Eier- bzw. Hühnerklau in die Quere kommt; einer von diesen Fünf ist Freddy, der Ich-Erzähler.

Günter stottert, hat stets Rotz an der Nase und benimmt sich sonderbar. Er zieht Gemeinheiten, die sich gegen ihn richten, geradezu an und wundert sich folgerichtig auch kaum, als er von den gleichaltrigen Jungen, denen er den geplanten Diebstahl vermasselt, in einer umgekippten Lore beinahe zu Tode gefoltert wird.
Als Günter daraufhin tagelang der Schule fern bleibt, sich die Geschichte seiner Misshandlung jedoch unter der Hand wie ein Lauffeuer verbreitet, bekommen es die fünf Peiniger mit der Angst zu tun. Allen blüht Arges, wenn ruchbar würde, wer an der Aktion gegen Günter beteiligt war. Noch schweigt Günter sich darüber zwar aus, doch kann man sich darauf dauerhaft verlassen?
Leonhard, der Wortführer der Fünf, beschließt, dass Günter verschwinden müsse, und zwar dauerhaft. Seine vier Mitstreiter fühlen sich trotz Skrupel zur Solidarität verpflichtet.
Dass Günter letztendlich nicht im Moor versenkt, also umgebracht wird, verdankt er – und das ist eine weitere unerhörte Begebenheit, ausgerechnet dem Spätheimkehrer und Waffen-SSler Willi, der die Beinahemörder mit einem gewagten, jedoch erfolgreichen Erziehungsmanöver zum Umdenken bringt.
Hermann Schulz versteht es meisterlich, sich der Sprache des zehnjährigen Freddy zu bedienen; ohne Wehmut schildert er eine Zeit der Entbehrungen, die er miterlebt hat. Dass das Werk letztlich in dieser Form vorliegt, verdanken wir Leser übrigens der niederländischen Schriftstellerin Pauline de Bok. Sie war vor Jahren Zeugin einer Lesung, bei der Hermann Schulz den Stoff des Günter-Buches bereits in Form einer kurzen Erzählung vortrug. Sie war es, die ihren Freund und Kollegen ermutigte, den Stoff erneut aufzugreifen und in einem abgeschlossenen Roman zu vollenden.
Ein großes Kompliment an Maria Luisa Witte, die die Geschichte mit überaus eindrücklichen Bildern unterstützt und zur Bereicherung dieses rundum großartigen Werks beiträgt!
Noch einmal zum Thema Ähnlichkeiten:
Ich fragte Hermann Schulz, ob er die wendlandischen Jungen später wiedergesehen habe. Ja, und sie erinnerten sich auch noch an die Vorfälle damals. Günter habe ihnen zufolge später geheiratet, so Schulz. Die Frage, ob er auch Günter später noch einmal gesprochen habe, beantwortete er mit einem lächelnden Kopfschütteln.


"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann