Knapp am Herz vorbei

Monatstipp Juli 2013

Moehringer, J.H.: Knapp am Herz vorbei

Verlag: Fischer
rezensiert von Christian Oelemann

In Deutschland wurde er mit seinem phänomenalen Roman Tender Bar berühmt. Jetzt hat J.R. Moehringer einen Roman nachgelegt, der zum stärksten gehört, was die amerikanische Literatur in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Erzählt wird die Geschichte des berühmten Bankräubers Willie Sutton, allerdings nicht chronologisch sondern retrospektiv. Wir befinden uns in einem strengen Winter Ende der Sechzigerjahre. Willie Sutton, der in den USA als "Gentleman-Bankräuber" geradezu verehrt wurde, ist inzwischen ein alter Mann und besucht gemeinsam mit einem Journalisten und einem Pressefotografen wichtige Orte seiner „Karriere“. Eben ist er zum letzen Mal aus der Haft entlassen worden; lange zu leben hat er nicht mehr, da man ihm eine bereits weit fortgeschrittene Krebserkrankung bescheinigt hat. Und Sutton erzählt und erzählt. Hinreißend erzählt er. Die Fahrt führt sie dabei auch nach Coney Island, einen New Yorker Vergnügungspark, wo Sutton vor langer Zeit die Person traf, die sein Leben für immer verändern sollte - und für die er seinen ersten Raub beging: Bess. Bess, Sutton’s Lebensliebe. (Wer bei der Lektüre von „Knapp am herz vorbei“ vielleicht Gershwin- Musik im Kopf haben sollte, braucht sich also nicht zu wundern.)
Die vielen Jahre hinter Gittern verbrachte der Bankraub- und Ausbruchspezialist Sutton hauptsächlich mit Lesen; nach und nach lernte er die wichtigen Werke der Weltliteratur kennen, beschäftigte sich mit antiken Philosophen und lernte sogar die Bibel auswendig, der Sprache, nicht der Religion wegen.
Angeblich sei durch Sutton nie ein Mensch zu Schaden gekommen, heißt es. Deswegen wird er geliebt und verehrt; Volkes Meinung schlägt allerdings um, als der junge Mann, durch dessen Anzeige bei der Polizei Willie Sutton zum letzten Mal gefasst wird, ermordet auf der Straße liegt.
Ungemein kunstvoll springt Moehringer zwischen den Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts hin und her, leiht einem Zeit- und Gefängnisgenossen Al Capone’s seine Stimme und vermittelt uns Lesern ein schillerndes Bild der jüngeren amerikanischen Geschichte. Vor allem aber erzählt er eine wunderschöne Liebesgeschichte, die unter die Haut geht. Wie sehr, das merkt man noch lange, nachdem man „Knapp am Herz vorbei“ schließlich zugeschlagen hat. Moehringers Buch erhebt nicht den Anspruch, die wahre Lebensgeschichte Suttons zu erzählen. Es sei eine Wunschbiografie, sagt der Schriftsteller im Vorwort. So stimmen zwar die Rahmendaten der Erzählung, Kindheit und Jugend Suttons sind jedoch frei erfunden. Das aber schadet gar nichts! Wer es genießt, gute Literatur vorgelesen zu bekommen, dem rate ich in diesem Fall ausgesprochen das gleichzeitig erschienene Hörbuch mit dem genialen Burghart Klaußner.
Besser kann man nicht vortragen! Wahrlich nicht!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann