So etwas wie ein Leben

Monatstipp Mai 2013

Nothomb, Amélie: So etwas wie ein Leben

Verlag: Diogenes
rezensiert von Christian Oelemann

Seit Jahrzehnten ist die belgische Schriftstellerin Amelie Nothomb eine der wichtigsten Säulen des Diogenes-Verlags. Nicht einen ihrer Titel kann man dem literarischen Mittelmaß zuordnen. Besonders hervorheben möchte ich jedoch Reality-Show, ihre bitterböse Abrechnung mit der Verrohung und Verdummung des TV-Programms (Tipp des Monats April 2007) sowie So etwas wie ein Leben (Tipp des Monats Mai 2013). In diesem ihrem neuesten Roman geht es u.a. um den Irak-Krieg der US-Amerikaner. Aber es geht noch um mehr: Essstörungen faszinieren Amelie Nothomb offenbar ungemein, denn sie sind in vielen ihrer Bücher zumindest Randthema, egal ob Magersucht, die sie als „heiligmäßige Askese“ beschreibt, oder Fettleibigkeit, die „aufdringliche und ekelerregende Schwäche“ (Zitat: A.N.). So etwas wie ein Leben ist ein ungemein geschickt komponierter Briefroman. Seine Verfasserin empfindet wenig Mitleid mit Dicken, Kummerspeck ist für sie ein "Zeichen verfetteter Intelligenz". Der Briefaustausch im Buch findet zwischen der Autorin selbst und einem gewissen Melvin Mapple statt, einem im Irak stationierten amerikanischen Soldaten, der ihr aus Bagdad schreibt, wie sehr er im Feld unter seiner Fettleibigkeit leidet. Zunächst fühlt sich Amelie Nothomb ansatzweise belästigt und kommentiert ihre Gedanken zu den Briefen des fernen „Fans“ (für uns Leser auf geradezu brillante Weise), doch zunehmend gerät sie in einen ihr selbst unbekannten Sog und sehnt geradezu neue Post von Mapple herbei. Sie empfiehlt ihm, sein Übergewicht als politische Aussage zu begreifen und den eigenen Körper als intervenierendes Kunstwerk zu empfinden und dementsprechend in der Öffentlichkeit auszustellen. Sie findet sogar einen Galeristen, der sich für die prekäre Idee interessiert. Mapple dankt ihr in seinen Briefen euphorisch, gibt sogar vor, durch den Briefwechsel mit der berühmten belgischen Schriftstellerin neuen Lebensmut gefunden zu haben.
Dann reißt der Kontakt jäh ab; die Schriftstellerin rechnet (in Anbetracht der Lage des Soldaten) mit dem Schlimmsten, aber es kommt ganz anders.
Wie, das verrate ich selbstverständlich nicht, denn Sie möchten das wunderbare Buch ja noch mit der Spannung lesen, für die Amelie Nothomb stets ein Garant ist. Nur so viel verrate ich: das Ende dieses ungeheuerlichen Romans besticht durch eine Schönheit, die ich bislang in Nothombs Werken noch nicht angetroffen habe.

Große Literatur – ich versichere es Ihnen! „So etwas wie ein Leben“ ist ein Titel für Besten-Listen, nicht für Bestseller-Listen. Manche verwechseln das, weil die Begriffe so ähnlich klingen. Fast so ähnlich wie Klasse und Masse. .

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann