Die Deutschlehrerin

Monatstipp April 2013

Judith W. Taschler: Die Deutschlehrerin

Verlag: Picus
rezensiert von Christian Oelemann

Gleich mit ihrem ersten Roman Sommer wie Winter“ zog mich Judith W. Taschler in ihren Bann. Die neunzehnjährige Hauptfigur Alexander Sommer begegnet ihrem Therapeuten, und das liest sich ungemein spannend. Der dreijährige Alexander kommt 1973 als Pflegekind zu einer Bauernfamilie in Sölden. Vor Kurzem wurde eine Gästepension auf dem Hof angebaut, Sommer wie Winter ist das Haus voll mit Fremden, die Kinder leiden darunter und müssen außerdem fest mitarbeiten. Die herbeigesehnten Nebensaisonen sind immer viel zu kurz. Mit vierzehn findet Alexander heraus, dass seine leibliche Mutter doch nicht bei einem Autounfall ums Leben kam, wie er bisher glaubte. Geredet wurde nie darüber, das Thema ist – so wie vieles – in der Familie tabu. Er findet einen Zeitungsartikel und erfährt, dass seine Mutter Paulina hieß und dass sie auswanderte, ohne ihn mitzunehmen. Alexander wird besessen von der Frage nach dem Warum und macht sich auf die Suche. Fantasien über ihr Verschwinden lassen ihn nicht los, und er findet entsetzliche Dinge heraus, die alles für ihn und auch seine Pflegefamilie verändern …

„Sommer wie Winter“ wünsche ich noch immer neue Leser und empfehle es Ihnen herzlich, aber heute geht es mit um einen anderen Titel der erzählwütigen und sprachvirtuosen Germanistin Judith Taschler: Ihr zweiter Roman „Die Deutschlehrerin“ , soeben ebenfalls bei Picus erschienen, hat nicht nur mich geradezu überschwänglich begeistert, sondern auch in Radio und Presse Lobeshymnen geradezu abgeräumt. Ich vermute, dass Sie sich dieser Meinung anschließen werden, wenn Sie „Die Deutschlehrerin“ erst gelesen haben.
Im Grunde möchte man vom Inhalt gar nichts erzählen, denn das ist alles so hervorragend komponiert, dass jedes verratene Detail bereits zu viel wäre.
Vielleicht so viel: Ein Mann und eine Frau erzählen abwechselnd, von ihrer enttäuschten Liebe, von Rache, Schuld und Verrat, von einer überstürzten Heirat mit Kindfolge. Eigentlich die Geschichte einer großen Liebe, sollte man meinen. Aber Ungeheures, Unerwartetes passiert, wie in „Sommer wie Winter“ beiläufig erzählt, (darin hat Judith Taschler eine Meisterschaft entwickelt, die ich bewundern muss).

Matilda und Xaver verraten einander, und somit auch uns Lesern, was in den letzten 16 Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, tatsächlich passierte. Zwei raffinierte Lebensbeichten voller Ängste und Abgründe, die eine aus der Sicht der Frau erzählt, die andere aus der des Mannes. Beiden kann man nicht ohne Mühe trauen. Matilda ist, wie der Romantitel bereits verrät, Deutschlehrerin und liebt(e) den Schriftsteller Xaver, den sie gern geheiratet und ein Kind mit ihm gehabt hätte. Xaver liebt(e) Matilda durchaus auch, aber nicht so heftig wie sie ihn.Jahrelang lebten sie als Paar zusammen, aber eines Tages verschwindet Xaver von jetzt auf gleich, ohne Erklärung oder Abschied. Sechzehn Jahre später treffen sich die beiden wieder, nicht ganz zufällig, denn Xaver wird Mathildas Schule im Rahmen eines Schüler-Schreibworkshops zugeteilt.

Ein grandioses Buch! Judith W. Taschler möchte ich begeistert zurufen: „Chapeau!“

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann