Der Staubleser

Monatstipp März 2013

Brainin, Josef: Der Staubleser

Verlag: Braumüller
rezensiert von Christian Oelemann

Alfred ist ein Staubleser. Das heißt, er kann anhand des Staubs auf einem Möbelstück verblüffend viel über dessen Herkunft und Aufenthalte erkennen, will sagen: ein X macht man ihm nicht für ein U vor.

Als profunder Kenner der Kunstszene und als leidenschaftlicher Antiquitätenhändler weiß er nahezu alles über seine Konkurrenten; wem man ruhig einmal auf die Füße treten darf und wem auf keinen Fall, gehört für Alfred zum Betriebskapital. Ebenso wie kunstvolle Möbel und Bilder schätzt er die Frauen, und anbrennen lässt er so schnell nichts. Da kann es eben schon einmal vorkommen, dass er die Frau eines wichtigen Mannes der Wiener Gesellschaft verführt; selbst wenn der gehörnte Ehemann dummerweise just der Investor ist, dessen Geld Alfred für die Anmietung eines schickeren Ladenlokals unbedingt braucht. Spätestens jetzt würde man Alfred zu mehr Zurückhaltung raten, doch im Gegenteil: Alfred spannt den Bogen noch weiter und verliebt sich Hals über Kopf in die Tochter der feinen Familie, so sehr sogar, dass er erstmals ernsthaft Heiratsabsichten hegt.
Die Mutter, ganz betrogene Betrügerin, sinnt auf Rache und vereitelt die für Alfreds Zukunft ungemein wichtige Finanztransaktion; nicht nur das, sie beschmutzt den bislang ausgezeichneten Ruf, den Alfred (noch) genießt, in erheblichem Maße. Von jetzt auf gleich steht Alfred vor dem Nichts; die Wiener Gesellschaft zeigt ihm ihr brutales Gesicht.
Gerade im richtigen Moment betritt eine reizende alte Dame Alfreds Antiquitätenladen, und sie hat ein sonderbares Anliegen: ob er ihr dabei behilflich sein könne, ein Bild wiederzubeschaffen, das ihr aus persönlichen Gründen viel bedeutet. Die Angelegenheit ist nicht gerade ungefährlich, denn besagtes Bild gehörte einer jüdischen Familie und wurde vor siebzig Jahren von den Nazis geraubt.

Dank seiner Verbindungen gelingt es Alfred tatsächlich, das Bild aufzuspüren. Um es seiner Auftraggeberin tatsächlich beschaffen zu können, muss er zu Mitteln greifen, die sich allerdings mit seinem Ethikverständnis (oder dem des Lesers?) nicht vertragen.
Wem gehört eigentlich was?

Schon wieder ist es dem kleinen sympathischen Braumüller-Verlag gelungen, der Öffentlichkeit ein Meisterwerk zu übergeben, das in seiner sprachlichen Brillanz ausnahmslos Entzücken hervorruft. Unglaublich, dieser Josef Brainin!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann