Die Wahrheit über die Lüge

Monatstipp Dezember 2012

Wolf Schneider: Die Wahrheit über die Lüge

Verlag: Rowohlt
rezensiert von Christian Oelemann

Einem begnadeten Denker bei seiner Geistesarbeit zu folgen, kann wie das Lauschen wunderschöner Musik sein; wenn dieser Denker obendrein ein exzellenter Sprachstilist ist, trifft dies umso mehr zu. Was für ein Himmelskonzert, wenn Wolf Schneider „Die Wahrheit über die Lüge“ beschreibt!
Um Sie sogleich vollends in den Bann dieser „Musik“ zu ziehen, möchte ich aus dem Text zitieren:
Gleichheit! Thomas Jefferson schrieb 1776 in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, „that all men are created equal“, das alle Menschen „gleich“ geschaffen sind, und Robespierre versprach 1792, auf den „Trümmern des Thrones die “heilige Gleichheit“ zu errichten – wobei das Heilige zugleich das Vieldeutige und oft Missverstandene war. Populär heißt Freiheit ja: totale Übereinstimmung, Austauschbarkeit – und die gibt es durchaus, bei Büroklammern zum Beispiel oder bei Zahnpastatuben, solange sie fabrikneu sind. Wenn aber alle Menschen „gleich“ wären, würde einer im Prinzip genügen, schrieb der Satiriker Werner Mitsch zu Recht.
Was also ist das, Freiheit? Juristisch definiert ein schönes Anrecht – sonst eine heilige Kuh im Vorgarten von Sonntagsrednern. Für die gilt, was Georg Christoph Lichtenberg „bloß der Unstudierten wegen“ anmerkte: Begriffe würden oft verpackt wie Waren, und „wenn alles in der Kiste ist, was hineingehört, und es schlottert noch, so steckt man etwas anderes dazu“.
Heilige Kühe aber sollten nicht hinken. Eine, die auf zwei Beinen lahmt, ist die Gerechtigkeit. Die Philosophen, die das große Wort seit mehr als zwei Jahrtausenden umkreisen, haben die Kuh nicht heilen können; und noch mehr humpelt sie, seit ihr im 19. Jahrhundert der Sprengsatz „sozial“ vor die Hufe fiel. Seit Jahren ist „Gerechtigkeit“ in Deutschland gar der zentrale Begriff der politischen Debatte – und dies, obwohl ein Wort, das fast alles heißen kann, ebendeshalb fast nichts besagt. Wir könnten erwägen, es aus dem Verkehr zu ziehen.
Schneider denkt dergestalt über Varianten der Lüge nach: Placebo, Irreführung, Utopie … die Liste ist lang.
„Die Wahrheit über die Lüge“ lautet der selbstironische Titel dieses Glücksfalls von Buch.
Das ideale Geschenk für alle, die Freude am Denken haben und ein gepflegtes Deutsch genießen! Denken Sie bitte wegen Weihnachten nicht nur an Andere sondern auch an sich selbst! Viel Vergnügen!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann