Sunset Park

Monatstipp August 2012

Auster, Paul: Sunset Park

Verlag: Rowohlt
rezensiert von Christian Oelemann

Endlich wieder ein großer Roman von Paul Auster! Wie in seinem Vorgänger Unsichtbar geht es in Sunset Park erneut um einen berühmten Film, diesmal um William Wylers „Unsere besten Jahre“, der von drei Kriegsheimkehrern im Jahr 1946 handelt, einer Zeit also, die Auster mühelos mit 2008 vergleicht, dem Jahr, in dem die Immobilienblase geplatzt ist und immer mehr Häuser aufgegeben werden, weil ihre Besitzer die Kredite nicht mehr bedienen können. Miles lebt von der Krise, indem er im einzig florierenden Gewerbe jobbt, das es noch gibt: Entrümpelung nämlich. Oft lassen die ins Elend Gestürzten große Teile ihrer Habe zurück, und Miles fotografiert diese "aufgegebenen Dinge", er dokumentiert, was übrig geblieben ist von einem Leben, und jedes Haus erzählt ihm "seine Geschichte des Scheiterns". Miles sieht sich als Kriegsberichterstatter, ein Foto-Reporter an jener neuen Front, die mitten durch das eigene Land verläuft. Amerika ist für ihn längst wieder ein Kriegsschauplatz und ein Trümmerhaufen, eine Nation, die ihre Schlachten nicht nur im Irak verliert, sondern auch in der Heimat. Immer wieder werden Dialoge aus dem oben erwähnten Film zitiert.
Miles lebt mit einem Schuldgefühl: vor Jahren hatte er seinen älteren Stiefbruder Bobby bei einem Streit so unglücklich auf den Highway gestoßen, dass dieser von einem vorbeifahrenden Auto mitgerissen worden war und an seinen Verletzungen starb. Als Miles erfährt, dass dessen Mutter ihn "aus ihrem Herzen verbannt" habe, kommt er der Verstoßung zuvor und verschwindet.
Er steigt hinab in die Unterwelt der um ihre Existenz Betrogenen, jener, die aus dem System gefallen sind. Als er am Ende seiner Odyssee wieder in New York landet, schlüpft er bei seinem alten Schulfreund Bing unter, der eine "Klinik für kaputte Dinge" betreibt, in der er alte Sachen repariert. Bing ist ein Widerstandskämpfer eigener Art. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat er ein abbruchreifes Haus in Sunset Park, einem aufgegeben Stadtteil von Brooklyn, besetzt, unmittelbar neben einem Friedhof. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis die Besetzer gewaltsam vertrieben werden.
Hier ist sie also lebendig begraben, die Jugend Amerikas; intelligente, engagierte, gut ausgebildete Menschen, die gleichwohl nicht mal ihre Miete zahlen können, eine chancenlose, um ihre Zukunft betrogene Generation, die in prekäre Verhältnisse hineingewachsen ist; ihr fehlt jede Orientierung (auch sexuell), zutiefst verunsichert, zweifelt sie an allem und jedem und am meisten an sich selbst.
Ein Hoffnungsschimmer ist da für Miles allein die minderjährige Pilar, eine hochbegabte Exil-Kubanerin, in die er sich in Florida verliebt hat. Nun büffelt er mit ihr für die Aufnahme an einem guten College, als habe er seine eigenen Ambitionen von einst an sie delegiert. Sie wird quasi seine Stellvertreterin. Doch weil Pilar minderjährig ist, muss Miles Florida für eine Zeit verlassen. So gelangt er zurück nach New York – nach Sunset Park.
Werner Schmitz hat diesen Roman hervorragend ins Deutsche übersetzt; ihm gebührt mein Dank ebenso wie dem großartigen Paul Auster, einer der erbitterten Gegner von George Dabbeljuh Bush, mit dem Auster mit Hilfe der Literatur gnadenlos abrechnet.
Großartig!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann