Sand

Monatstipp Juli 2012

Herrndorf, Wolfgang: Sand

Verlag: Rowohlt
rezensiert von Christian Oelemann


Bereits Wolfgangs Herrndorfs erster Roman „Tschick“ sorgte vor zwei Jahren für enormes Aufsehen; ich muss zugeben, dass ich nicht damit zurechtkam; ganz anders ergeht es mir mit „Sand“, dem neuen Buch von Wolfgang Herrndorf. Grandios!
Ob es sich um einen Agententhriler oder eine Parodie auf das Genre Agententhriller handelt, entscheiden Sie! So oder so: das ist ein ungemein intelligent und witzig geschriebenes Buch, dem ich eine zahlreiche Leserschaft wünsche.
„Sand“ spielt in Nordafrika zu der Zeit, als Terroristen der palästinensische Gruppe „Schwarzer September“ in München das Quartier der israelischen Mannschaf t im Olympischen Dorf überfielen.

Im Mittelpunkt er erzählten Ereignisse steht ein Mann, der nach einem Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis verlor. Nicht einmal seinen Namen weiß er mehr. Der Einfachheit halber nennt er sich Karl Gross (das steht auf dem Etikett seiner Anzugjacke). Die Amerikanerin Helen Gliese nimmt ihn auf und gibt ihm in ihrem Hotelbungalow Unterschlupf. Kidnapper entführen ihn und drohen, seiner Frau und seinem Sohn, von deren Existenz Karl nicht die geringste Ahnung hat, etwas anzutun, wenn er nicht innerhalb von 72 Stunden einen Gegenstand beschafft, den sie nicht benennen können, weil angeblich nur er davon Kenntnis besäße. Helen Gliese entpuppt sich als Vertreterin eines Kosmetikkonzerns .Was hat eine Kosmetikvertreterin in einem glühend heißen, völlig verarmten Land in Afrika zu schaffen?

Karl schnappt den Namen Cetrois auf; außerdem ist von einer Mine die Rede, die ungeheuer wichtig zu sein scheint. Ist damit ein Bergwerk gemeint? Geht es um Waffen? Oder ist eine simple Bleistiftmine? Allein die Antwort auf diese Fragen beschäftigt „Karl Gross“. Welche Rolle spielte Cetroit, bevor Karl der Schädel eingeschlagen wurde? Alles hat mit allem zu tun - aber das Gewirr löst sich nicht auf. Im Gegenteil: Karls Vorgeschichte wird immer verworrener. Ein Psychotherapeut stellt Diagnosen, obwohl er gar kein Arzt ist. Und die helfende Helen scheint sich mehr mit Kampfsportarten auszukennen als mit Kosmetika.

Man braucht schon eiserne Nerven, um sich in diesem Geflecht aus Handlungssträngen zurechtzufinden, aber das wird nicht eine Sekunde langweilig, weil Herrndorf so souverän erzählt, dass wir Leser ihm zutrauen, jedes Knäuel zu entwirren. Und er entwirrt! Versprochen!
Nicht wegen der grotesken, episodenhaften Handlung begeistert mich „Sand“, sondern wegen der sprachlichen Virtuosität Herrndorfs. Seine Einfälle sind ungemein witzig, seine Pointen so präzise gesetzt, dass man glaubt, einen Film von einem Meisterregisseur zu sehen. Wer Freude an glänzenden Formulierungen hat, wird bei diesem Roman ebenso auf seine Kosten kommen wie Brainjogger. Trainiert werden vorrangig die Lachmuskeln.

Das ist ganz große Literatur!
Stefan Kaminski hat „Sand“ übrigens virtuos als Hörbuch eingelesen! Oberste Liga

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann