Unendlichkeiten

Monatstipp Juni 2012

John Banville: Unendlichkeiten

Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag
rezensiert von Christian Oelemann

Mit „Unendlichkeiten“ legt John Banville, sicherlich einer der bedeutendsten Autoren Irlands, seinen bislang großartigsten Roman vor, für den ich Sie nunmehr begeistern möchte:
Adam Godley senior, ein berühmter Mathematiker, liegt nach einem schweren Schlaganfall im Koma, zuerst im Krankenhaus, jetzt im sogenannten „Himmelszimmer“ seines Hauses. Die 19-jährige Tochter Petra reist aus diesem Anlass an, ebenso ihr zehn Jahre älterer Bruder Adam Godley junior benebst sexy Ehefrau Helen, die so manchen unsichtbar Anwesenden den Kopf verdreht. Petra, am Borderline-Syndrom erkrankt, verfasst unter dem Titel "Florilegium Moribundus Humanae" eine Enzyklopädie der Krankheiten. Helen, von Beruf Schauspielerin, bereitet sich gerade auf die Rolle der Alkmene in Kleists „Amphitrion“ vor.
Sie und ihr Mann treffen am Abend in Arden House ein. Adam junior will erst am nächsten Morgen nach seinem sterbenden Vater sehen.
Das ist die Ausgangslage. Ein sterbender Vater, angereiste Angehörige, und man sollte annehmen, dass die Stimmung besinnlich ist. Ist sie aber nicht, denn jeder der Angehörigen hat seine eigene Gegenwart bei sich, ist in Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt. Banville verwendet einen wunderbaren Trick, um den Leser ohne Missachtung der Erzählperspektive von all diesem Gedachten wissen zu lassen. Denn mit von der Partie ist auch der Götterbote Hermes, der Erzähler der Geschichte sowie Göttervater Zeus, der alte Lüstling. Die beiden schlüpfen nach alter Götterart alternierend in die Hüllen der Anwesenden, wissen darum von Allem. Köstlich! Ein Beispiel: Schon vor Tagesanbruch steht Adam junior auf, weil er nicht schlafen kann. Zeus nutzt die Gelegenheit, sich in Adams Gestalt mit Helen zu vereinigen, und damit ihm mehr Zeit bleibt, lässt er seinen Sohn Hermes die Morgendämmerung um eine Stunde verschieben. Helen nimmt nach dem Aufwachen an, sie habe die erregende Kopulation lediglich geträumt, und als Adam ins Zimmer zurückkommt, spielt sie den vermeintlichen Traum mit ihm noch einmal nach, womit sie Adam naturgemäß überfordert.
Währenddessen sucht Hermes in der Gestalt des Kuhhirten Adrian Duffy die Witwe Ivy Blount auf, die in einem Nebengebäude auf dem Anwesen wohnt. Sie fungiert als inoffizielle Haushälterin und Köchin der Familie Godley. Der als Kuhhirt auftretende Götterbote greift spaßeshalber in das Geschehen ein, klagt über das schlechte Dach seines Hauses, redet davon, dass er sein Haus verkaufen wolle und macht Ivy Blount indirekt einen Heiratsantrag. Und oben stirbt der alte Adam … und denkt über seine Lage nach und fasst seine mathematischen Erkenntnisse zusammen:
„Meine letzte Gleichungsreihe, eine Handvoll erstklassiger und unwiderlegbarer Paradoxa, war die Kombination, mit der die verschlossene Kammer der Zeit zu öffnen war.“
Als Adam jr. seiner Frau nach dem Essen andeutet, er habe einen Plan, erwartet sie, dass er sich von ihr trennen will. Stattdessen möchte er mit ihr nach dem Tod seines Vaters nach Arden House ziehen.
Helen sitzt mit Roddy auf einer Waldbank nahe dem Heiligen Brunnen. Unter Zeus' Einfluss küsst Roddy seine Begleiterin. Sie ohrfeigt ihn dafür, und in diesem Augenblick donnert es. Im Platzregen rennt Helen zurück zum Haus.
Petra sieht Mann und Schwägerin zufällig auf der Bank sitzen; als Roddy Helen küsst, läuft sie davon. Deshalb weiß sie nichts von der Ohrfeige und fragt sich nun, wie lange die beiden bereits ein heimliches Liebespaar sind. In ihrem Zimmer holt sie einen sorgfältig zusammengelegten Kimono heraus, schlüpft hinein; sie schneidet sich mit einer Rasierklinge in den Unterarm. Die blutende Wunde presst sie theatralisch gegen die Brust.

Petras Bruder trägt Adam senior herunter zu den anderen.
Der Alte ist aus dem Koma erwacht. Ursula ruft den Arzt Dr. Ferdinand Fortune an, der fest mit dem Tod seines Patienten gerechnet hat und verständlicherweise über das medizinische Wunder staunt.

Eine vergnüglich unterhaltende, dennoch anspruchsvolle Geschichte über Götter und Menschen, der ich viele

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann