Großmama packt aus

Monatstipp März 2006

Irene Dische: Großmama packt aus

Verlag: Hoffmann und Campe
rezensiert von Christian Oelemann

"Das Leben endet tödlich, klar, aber der Weg zum Ende ist amüsanter, als unser konstant schlechtes Gewissen es suggeriert."

Wenn das kein Motto für Irenes Disches „Großmama packt aus“ ist, dann weiß ich es auch nicht.

Der Amkerikanerin, die heute in Berlin lebt, ist ein fulminantes, im Grunde tieftrauriges und deswegen hochkomisches Buch gelungen, aus dem beinahe auf jeder Seite Respektlosigkeit herausträufelt.

Was sage ich ein Buch – „Großmama packt aus“ ist ein Kaleidsokop, in dem es bei jeder Drehung eine andere Konstellation zu bewundern gibt. Andere Schriftsteller hätten aus einer solchen Fülle von Stoff und Ideen mindestens drei Romane fabriziert. Nicht die Dische.

Ihre Familien, das sind die Rothers und die Disches, und freilich kommt auch eine schriftstellerisch tätige Enkelin namens Irene vor. Wer hier aber Deckungsgleichheit mit der Autorin vermutet, ist auf dem falschen Dampfer: Immerhin erzählt die Großmama Elisabeth Rother aus dem Jenseits, und dabei kennt sie, ganz solide Katholikin, kein Tabu: egal, ob es sich um ihr Ehebett, um Juden, um den Lieben Gott oder die Gestapo handelt. Selbst Antisemitin bis ins Mark, liebt sie aber einen katholischen Juden und heiratet ihn - da ist von Anfang an Stress vorprogrammiert. Elisabeth bekommt eine Tochter und eine große jüdische Verwandtschaft. Über diese redet sie fast immer nur abschätzig, liebt sie aber, wie wir zwischen den Zeilen lesen können, unbändig. Das Private ist Elisabeth wichtiger als die große Politik: Nicht die Nazis bringen sie in Rage, sondern die Frechheiten der Tochter Maria Renate - die bald nur noch Renate heißt, weil sie der Mutter Gottes so gar nicht ähneln will.

Familie Rother muss emigrieren - und Großmama wird zunächst mehr nolens als volens Amerikanerin. Ihr rassistisches Weltbild wird im Schmelztiegel New York hart geprüft: In Amerika gibt es nicht nur Juden, sondern auch Schwarze. Pfui!

Oma befürchtet den endgültigen moralischen Niedergang der Familie. Und tatsächlich: Die Tochter heiratet trotz katholischer Erziehung ebenfalls einen Juden - und bekommt auch noch zwei Kinder mit ihm, Carl und Irene.

Wie, etwa noch ein Familienroman?, wird sich mancher fragen, der den Klappentext liest. Familienromane boomen ja zur Zeit bekanntlich. Disches Buch ist indes, wenn überhaupt, eine glänzende Parodie auf das Genre. Hut ab!

Großartige Literatur, ungemein kurzweilig und bisweilen so frech, dass man dreimal trocken schlucken muss.

Großmama packt eben aus, und das mit an Bosheit grenzender Liebe!

"Bestsellerlisten interessieren uns an dieser Stelle nicht. Was Sie hier finden, sind Bücher, die wir lieben".

"Anne Tyler gehört zum Besten, was wir an Erzählern gegenwärtig haben." (Jonathan Franzen)

"Ich behaupte: Das ist das neue Meisterwerk einer der besten Schriftstellerinnen deutscher Sprache überhaupt!" (Christian Oelemann über Lena Gorelik)

"Einmal mehr beweist der britische Schriftsteller, dass er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – zu den wirklich Souveränen." (Christian Oelemann über Ian McEwan's KINDESWOHL)
"Wolf Schneider war und ist nie mittelmäßig sondern stets erstklassig. Genau wie sein Buch!" (Christian Oelemann zu HOTTENTOTTENSTOTTERTROTTEL)
"Nicht nur die Architektur dieses Romans ist perfekt; Anne von Canals Sprache ist es auch: punktgenau und unmissverständlich." (Christian Oelemann über Anne von Canals DER GRUND)

«Der Roman ist herrlich. Ein Roman über das Glück. So witzig und ehrlich. Ich habe ihn so gerne gelesen.»
(Gerwig Epkes, SWR2, Literatur über Patrick Tschans «Eine Reise später»)"

Christian Oelemann